Navigieren auf bkb.ch

Service-Links

CIO-Update: Fast alles erlaubt in der Schweiz – düsteres Szenario für USA

Die Schweiz kündigt für Juni umfangreiche Lockerungen an. Verbleibende Auflagen aber schränken die Umsätze ein. Im zweiten Halbjahr geht es für die Wirtschaft dann deutlich bergauf. In den USA kommen Lockerungen zu früh: Bis Herbst ist eine Verdoppelung der Todesfälle auf 200'000 möglich. Das Update von Chief Investment Officer Dr. Sandro Merino in der heutigen Telefonkonferenz für Anlagekunden.

Am 28.05.2020 in CIO-Update von Dr. Sandro Merino
Das Transkript der Telefonkonferenz lesen Sie weiter unten.

Transkript der Telefonkonferenz mit Anlagekunden vom 28. Mai 2020

Einführung

In der heutigen Telefonkonferenz möchte ich vor allem auf die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie und auf das Geschehen an den Finanzmärkten eingehen. Insbesondere auch auf die Auswirkungen auf Ihre Vermögensverwaltungsmandate und Anlagelösungen der Basler Kantonalbank. Diese Anlagestrategien werden durch mein Team unter meiner Leitung bewirtschaftet.

Humanitärer Aspekt

Als erstes möchte ich betonen, dass bei der aktuellen Krise auch für uns in der Vermögensverwaltung, an allererster Stelle die Sorge um die Gesundheit der Menschen und unser Mitgefühl für das grosse menschliche Leid, das die Epidemie verursacht steht.

Unser allerhöchster Respekt gebührt dabei allen Pflegekräften, Ärzten und anderen Helfern, die sich persönlich und mutig für die Linderung menschlichen Leids einsetzen.

Evolution der Pandemie

Seit unserer letzten Telefonkonferenz am 14. Mai ist die Anzahl der weltweit laborbestätigten Infektionen von etwa vier Millionen auf 5.6 Millionen angestiegen. Der Trend ist zwar nicht mehr exponentiell, es kommen aber weltweit betrachtet jeden Monat etwa 1.5 Millionen Infektionen dazu. Das Epizentrum der Pandemie liegt weiterhin in den USA. Die Zahl der täglich neu registrierten Infektionen fällt zwar langsam, sie liegt aber mit etwa 20'000 neuen laborbestätigten Fällen pro Tag nicht so weit unter der Spitze von 30'000 Fällen pro Tag, die man noch Ende April gezählt hatte. Die vielen Lockerungen die in der Schweiz und vielen anderen europäischen Ländern ab Ende April eingeführt wurden, scheinen bisher das erhoffte Abklingen der Corona Fallzahlen nicht kompromittiert zu haben. 

Der Fokus der Politik und auch der Finanzmärkte richtet sich somit mehr und mehr auf den Neustart der Wirtschaft und auf die Bekämpfung der einschneidenden wirtschaftlichen Auswirkungen des Lockdowns. Vielerorts stand die Wirtschaft in wichtigen Bereichen weit über zwei Monate lang praktisch still. 

Ich möchte als erstes einen kurzen Überblick zur gegenwärtigen Situation der Covid-19 Pandemie an den wichtigsten Wirtschaftsstandorten der Welt geben:

China und andere Ländern in Asien

In asiatischen Ländern wie China, Japan, Südkorea oder Taiwan konnte ein erneutes Ansteigen der Infektionsfälle, also eine sogenannte zweite Epidemie-Welle, trotz erheblicher Lockerung der Quarantäne-Massnahmen, weiterhin verhindert werden. In einigen Ländern, insbesondere in China, Südkorea und Singapur, kam es als Folge der Lockerungen in den letzten Wochen zu verschiedenen neuen lokalen Infektionsherden. Auch die neuen Infektionsherde in Singapur, China oder Südkorea scheinen inzwischen wieder unter Kontrolle zu sein. In Asien konnte bisher eine zweite Epidemie-Welle durch Rückverfolgung und Isolierung der Fälle offenbar weiterhin verhindert werden.  

Schweiz und Europa

In der Schweiz liegt die Zahl der täglichen neuen laborbestätigten Infektionen seit Mitte Mai oft deutlich unter 50 Fällen pro Tag. Auch die Zahl Covid-19-bedingter neuer Hospitalisierungen und Todesfälle verbleibt glücklicherweise auch Ende Mai weiterhin bei einzelnen Fällen pro Tag. An der gestrigen Pressekonferenz des Bundesrates wurde angekündigt, dass die ausserordentliche Lage in der Schweiz per 19. Juni aufgehoben wird.

Wie erwartet, sind viele neue Lockerungen, die per 6. Juni in Kraft treten, gestern durch den Bundesrat beschlossen worden. Einige Elemente waren schon länger erwartet, andere sind weitreichender und tragen der aktuell deutlich verbesserten Situation Rechnung:

  • Der Besuch von Gastronomiebetrieben für Gästegruppen von mehr als 4 Personen ist möglich.
  •  Es gibt keine Begrenzung der Personenzahl pro Tisch, allerdings muss eine Adresse pro Tisch hinterlegt werden. Natürlich muss dabei das Schutzkonzept weiterhin umgesetzt werden.
  • Die Grenze für Treffen in der Öffentlichkeit wird von 5 Personen auf 30 Personen erhöht (z.B. auf öffentlichen Plätzen wie Sportplätzen, Spazierwegen oder Parkanlagen).
  • Der Betrieb von Campingplätzen, Wellnesszentren, Skigebieten, botanischer und zoologischer Gärten sowie Tierparks ist wie erwartet wieder möglich.
  • Bestätigt wurde gestern auch die Wiederaufnahme des Präsenzunterrichtes an Schulen der Sekundarstufe II, und an allen höheren Schulen und Universitäten. Auch hier soll aber die Rückverfolgbarkeit gewährleistet sein.
  • Hingegen bleiben Grossveranstaltungen mit über 1000 Teilnehmern auf jeden Fall bis Ende August nicht möglich.
  • Die Empfehlung, wenn immer möglich im Home-Office zu arbeiten, bleibt weiter bestehen.
  • Ebenfalls gelockert sind Vorkehrungen im Rahmen der Personenfreizügigkeit für ausländischen Arbeitskräfte. Auch die Grenzen zu Österreich, Deutschland und Frankreich werden ab dem 15. Juni vollständig geöffnet.
  • Italien wird die Grenzen zur Schweiz schon ab dem 3. Juni wieder öffnen. Die Schweiz wird das aber am 3. Juni noch nicht erwidern. Da scheint es also gewisse diplomatische Verstimmungen gegeben zu haben. Allenfalls gelingt aber auch in dieser Frage eine gegenseitige Koordination.
  • Die Schweiz möchte die Reisebeschränkungen für den gesamten Schengenraum bis zum 6. Juli komplett aufheben. 
  • Last but not least: Grosseltern dürfen ihre Enkelkinder wieder hüten!

Zusammenfassend kann man sagen, dass in der Schweiz ab dem 6. Juni fast alles möglich sein wird – mit Ausnahme von Grossveranstaltungen. Die Kantone werden dabei für die Gewährleistung der Schutzkonzepte mehr individuellen Spielraum haben, aber auch mehr Verantwortung dafür übernehmen müssen. 

Europa

Die europäischen Nachbarstaaten der Schweiz befinden sich inzwischen in einer mit der Schweiz vergleichbaren Situation. Die epidemische Welle klingt auch in vielen anderen europäischen Staaten ab und der Neustart der Wirtschaft ist jetzt im Fokus. In Grossbritannien ist die Entwicklung weiterhin noch etwas zeitverschoben. Die Zahl der täglichen Neuinfektionen ist aktuell immer noch etwa 10 Mal höher als in Italien. Es bestätigt sich also, dass in Grossbritannien striktere Massnahmen noch einige Wochen länger aufrechterhalten werden müssen, als in den meisten Ländern der EU.

USA

Die Situation in den USA bleibt im Vergleich zu Asien und Europa hingegen weiterhin sehr angespannt. An der Ost- und Westküste der USA sind noch Lockdown-Massnahmen noch in Kraft. Im Inneren des Landes sind diese aber weitgehend gelockert. Ende April wurde in den USA die Zahl von einer Million bestätigter Infektionen überschritten. Aktuell ist die Zahl bei fast 1.7 Millionen laborbestätigter Fälle angelangt. Der aktuelle Trend in den USA bestätigt unsere Befürchtung, dass diese Zahl bis Ende Juni auf etwa 2 Millionen ansteigen wird.

Es sind inzwischen bereits 100'000 Menschen in den USA in Zusammenhang mit Covid-19 gestorben. Der aktuelle Trend in den USA lässt leider erwarten, dass wie von uns befürchtet bis Ende Juni insgesamt bereits 120'000 Menschen Opfer von Covid-19 sein werden. Es wird auch befürchtet, dass die früh umgesetzten Lockerungen diese Zahl bis in den Herbst nochmals deutlich ansteigen lassen werden. Ein weiterer Anstieg der Zahl der Todesopfer auf 200'000 bleibt in den USA bis zum Herbst zu befürchten.

Zusammenfassung: Globale Situation

Aus globaler Sicht betrachtet, hat sich nach Asien auch in Europa die Situation deutlich entspannt. Die wirtschaftliche Aktivität wird sich weiter normalisieren. Dennoch bleiben die Auflagen und Schutzkonzepte bestehen. Dies schafft zusätzliche Kosten und Einschränkungen bei den erzielbaren Umsätzen in vielen Branchen. In den USA kommen weitgehende Lockerungen früh und die Zahl der Neuinfektionen bleibt hoch. Viele US-Gesundheitsexperten warnen vor den düsteren Konsequenzen einer verfrühten Lockerung und einer zweiten Pandemie-Welle.

Folgen für die Wirtschaft

Das günstige Szenario einer deutlichen Belebung der Wirtschaft im zweiten Halbjahr scheint sich zu bestätigen. Das sich noch in der Diskussion befindende EU-Hilfspaket über 750 Milliarden Euro könnte ein historisches Schlüssel-Ereignis für die EU darstellen.

Zum ersten Mal könnte sich die EU in signifikantem Umfang gemeinsam verschulden, um dieses Projekt zu finanzieren.  Gemäss gut informierter Kreise, soll der grösste Teil der Zahlungen an Italien gehen: etwa 172 Milliarden Euro. Spanien soll etwa 140 Milliarden Euro erhalten. Offen ist dabei noch die zentrale Frage, welcher Teil dieses Betrages als "à fonds perdu"-Transfer Zahlung vorgesehen ist und welcher Teil als Kredit vergeben werden soll.

Die sogenannten "Sparsamen Vier" (Österreich, Die Niederlande, Dänemark und Schweden) sind nicht grundsätzlich gegen diesen Plan, sie werden in den Verhandlungen aber für einen grösseren Anteil der rückzahlbaren Kredite einstehen. Dass Deutschland gemeinsam mit Frankreich dieses Programm stark unterstützt, steht in einem gewissen Gegensatz zu früheren Positionen Deutschlands zur Frage einer Schulden-Vergemeinschaftung in der EU. Der notwendige einstimmige Entscheid der 27 EU-Mitglieder steht zwar noch aus. Die Besonderheit der Lage und die starke Exportabhängigkeit Deutschlands, machen dieses Hilfsprogramm aber auch aus der Sicht Deutschlands attraktiver als bei früheren Krisen. 

Vorbehalte bleiben für das wirtschaftliche Erholungs-Szenario für die USA bestehen. Dies weil es unklar ist, wie die Konsumenten und die Unternehmen auf die nach wie vor starke Bedrohung durch das Virus reagieren werden.

Verluste an den Aktienmärkten - Währungen

Es zeichnet sich zwar ab, dass sich die Wirtschaft in Europa und in den USA langsam erholt, aber eine Bestätigung in den volkswirtschaftlichen Statistiken wird es erst gegen Ende Juni geben. Dann wird es auch besser möglich sein abzuschätzen, wie dynamisch sich die wirtschaftliche Erholung entwickelt. Das könnte dann etwas mehr Bewegung an den Aktienmärkten erzeugen. Insgesamt muss man aber von einem verhaltenen Erholungstrend ausgehen. 

Nach einem starken April haben sich die Aktienmärkte im Mai insgesamt wenig verändert. Der SMI gewinnt seit Anfang Mai aktuell etwa 1%. Der US Technologieindex NASDAQ gehört wieder zu den Gewinnern und steigt im Mai aktuell fast 4%. Nach wie vor halten wir das Anlagethema Technologie mit einer deutlichen Übergewichtung in unserer Anlagestrategie. Seit Jahresanfang hat der Schweizer Aktienindex SMI aktuell knapp 9% verloren. Auch die US-Aktienmärkte verlieren seit Jahresanfang etwa 10%, Gesamt-Europäische Indices etwa 18% und chinesische Aktien etwa 4%. Auch der Frankenwechselkurs zum US-Dollar und zum Euro hat sich seit Ende April kaum verändert. Der Markt scheint also derzeit auf neue Impulse und einer klareren Richtungsvorgabe aus der Wirtschaft zu warten.

Schlussbemerkungen

Das Szenario einer wirtschaftlichen Erholung ab dem zweiten Halbjahr zeichnet sich jetzt deutlich ab. Wir rechnen aber nicht mit einer raschen Erholung der Weltwirtschaft. Die Situation in den USA belastet unseren Ausblick aber weiterhin. Wir verfolgen die Situation im Rahmen unserer Anlagetätigkeit somit weiterhin äusserst aufmerksam. Anpassungen unserer Anlagestrategie und Taktik sind also weiterhin möglich.

Zum Schluss möchte ich Sie darauf hinweisen, dass wir am Donnerstag, 25. Juni eine weitere Konferenz durchführen. Danach werden wir die Serie in monatlicher Frequenz fortsetzen. Sie werden dazu noch entsprechend informiert. Ich bedanke mich jetzt dafür, dass Sie sich heute eingewählt haben und hoffe, dass meine Ausführungen für Sie von Nutzen waren. Sie haben nun, wie angekündigt, die Möglichkeit hier direkt Fragen an mich zu richten.

Dr. Sandro Merino

Dr. Sandro Merino

Chief Investment Officer

Erfahren Sie aus erster Hand die Einschätzungen unseres Chief Investment Officers, Dr. Sandro Merino, und überprüfen Sie Ihre Anlagestrategie mit Ihrer Kundenberaterin oder Ihrem Kundenberater.

Fusszeile