Zwischen Rezessionsängsten und Kurssprüngen

Heutige Marktentwicklung

Nach den Rückschlägen befinden sich die Aktienmärkte auf Erholungskurs, doch die Volatilität bleibt hoch. Droht die Rezession? Was Anlegerinnen und Anleger jetzt wissen müssen. Erfahren Sie es im heutigen CIO Update.
Am 27.06.2022 in CIO-Update von Dr. Sandro Merino
Am vergangenen Freitag, 24. Juni 2022, haben die Aktienmärkte weltweit einen Kurssprung im Bereich von +3% vollzogen. Auch am heutigen Montag hält der positive Trend weiterhin an. Einmal mehr bestätigt sich, wie unmöglich kurzfristige Einschätzungen zum weiteren Kursverlauf sind. Diese Tage zeigen aber auch auf, wie wichtig das Festhalten an einer gutdurchdachten und weltweit sehr breit diversifizierten Anlagestrategie ist. Das schützt zwar nicht vor temporären Kursrückschlägen, man kann jedoch mit begründeter Zuversicht eine mittelfristige Erholung der Anlageperformance hoffen.

Volatilität bleibt hoch

Die Volatilität an den Börsen dürfte aufgrund der vielen nach wie vor akuten Risikofaktoren vorerst hoch bleiben. Am kommenden Freitag, 1. Juli 2022, wird für die Eurozone die Entwicklung der Konsumentenpreise für den Monat Juni publiziert. Man rechnet mit einem nochmaligen leichten Anstieg von 8.1% (Mai) auf 8.5% (Juni) zu den jeweiligen Vorjahresmonaten.

Der am 21. Juli erwartete Zinsschritt der EZB um +025% oder gar +0.50% dürfte an der Inflationsdynamik der kommenden sechs Monate wenig ändern. Diese Dynamik hängt zentral von der Entwicklung der Energiepreise und anderer Rohstoffpreise ab. Dies weiss auch Putin und somit sind weitere Druckversuche seitens Moskaus über die Verringerung von Gasexporten in die EU zu erwarten. Aufgrund der noch sehr komfortablen Staatsfinanzen des Kremls muss für den Herbst oder Winter mit einem kompletten Stopp der bereits reduzierten Gaslieferungen in die EU wohl gerechnet werden.

Energiekrise: Droht die Rezession?

Dies wird zwar ernsthafte Probleme, insbesondere für die deutsche Wirtschaft, bedeuten, aber keine tiefe Rezession in der Eurozone auslösen. Insbesondere dann nicht, wenn die Versorgungsengpässe für Energie über alle EU-Staaten in ihren Auswirkungen koordiniert ausgeglichen und somit minimiert werden. Dieser Punkt dürfte wohl auch am laufenden Bayrischen G7-Gipfel eines der zentralen Themen sein. Steigen die Energiepreise in den nächsten Monaten aber nicht noch weiter an, dann wird die Inflation wieder fallen müssen, da Inflation ja eine Änderungsrate darstellt.

Trotz allen grassierenden Krisen und Befürchtungen bleiben die Erwartungen der Unternehmen für die Gewinnentwicklung in den nächsten sechs Monaten stabil und sogar moderat optimistisch. In den USA rechnen die börsenkotierten Unternehmen mit einem Gewinnanstieg von etwa 9% zu den jeweiligen Quartalen im Vorjahr. Das ist etwas bescheidener als in einigen der letzten fünf Jahre, es nimmt aber den Rezessionsbefürchtungen vorerst etwas an Schrecken und Glaubwürdigkeit.

Negativrekord in 2022 für CHF-Obligationenanlagen

Der Rückschlag bei Aktien für den CHF-basierten Investor bewegt sich in diesem Jahr bei etwa 10% bis 20%:

  • US - S&P 500 -13.9%,
  • EUR-STOXX 50 -18.7%,
  • CH - SPI -15.50 %,

(in CHF bestimmte Bewegungen).

Dies sind zwar signifikante Rückschläge, aber für die Aktienmärkte keine sehr aussergewöhnlichen Bewegungen. Tatsächlich gab es seit dem Jahr 2000 insgesamt sieben Jahre mit negativer Aktienrendite für den Schweizer Markt. Anhand des breiten SPI-Gesamtmarkt-Index ergibt sich folgendes Bild seit 2000:

  • 2001: -22.28%
  • 2002: -26.61%
  • 2007: -2.02%
  • 2008: -34.51%
  • 2011: -7.06%
  • 2016: -1.4%
  • 2018: -9.2%

Entscheidend für den Aktienanleger war aber, dass trotz dieser Jahre mit Verlusten dennoch von 2000 bis heute eine jährliche Rendite von +4.5% (inklusive Dividenden, ohne Ertragssteuern) erreicht wurde. Über die letzten 10 Jahre war die jährliche Rendite - trotz aktuellem Einbruch - sogar +10.31% . All diese Betrachtungen bestätigen, dass man bei Aktien einen langen Zeithorizont braucht und dass Geduld Rosen bringt.
In diesem Jahr weit dramatischer als bei Aktien und weniger häufig zum Thema gemacht, ist der aktuelle Kurseinbruch bei Obligationen. Obwohl es bei Obligationen mit guter oder sehr hoher Bonität keine signifikanten Zahlungsausfälle gab, führt der Anstieg der Zinsen zu einer tieferen Bewertung der Obligationen und zu entsprechenden Kursverlusten im Portfolio. Bei vielen Anlegern in der Schweiz ist ja der Schweizer Obligationenmarkt besonders stark im Portfolio gewichtet.

Für die Anlagestrategie ist die Wahl des Laufzeitenprofils ein wichtiger Entscheidungs-Parameter. Ein sehr oft verwendeter Index bei Obligationen ist der "Swiss Bond Index AAA-BBB (SBR14T)". Eine Variante davon mit deutlich kürzerem Laufzeitenprofil ist der "Swiss Bond Index AAA-BBB 1-10 (ST110T)".

  • Der Index mit längeren Laufzeiten verliert in diesem Jahr -11.40% (SBR14T)
  • Der Index mit kürzeren Laufzeiten verliert in diesem Jahr -7.61% (ST110T)

Vor dem Zinsanstieg in diesem Jahr hatte es sich über die letzten fünf bis zehn Jahre ausbezahlt, den Index mit der längeren Laufzeit zu wählen. Trotz Negativzinsumfeld konnte man so doch noch leicht positive Renditen erwirtschaften. Dennoch haben wir uns bei der BKB für die Wahl kürzerer Laufzeiten entschieden (ST110T). Dies in Anbetracht der seit Jahren latent erwarteten Zinswende und der bloss sehr kleinen Mehrrendite, die für das Risiko längerer Zinsbindung erwirtschaftet werden konnte.
Das mag im Jahr 2022, welches einen Jahrhundert Crash für CHF-Obligationen erzeugt hat, ein schwacher Trost für Zinsanleger sein, eine Dämpfung der Verluste um fast 4% (- 11.40% vs. -7.61%) ist dennoch eine substantielle Optimierung der Anlageperformance. Ausserdem haben wir die Gewichtung von CHF-Obligationen schon seit längerem zugunsten von Liquidität zusätzlich taktisch deutlich reduziert. Dies hat ebenfalls nochmals dämpfend auf die Verluste gewirkt hat.

Das schlechteste Jahr seit 1928

Tatsächlich ist 2022 seit mindestens 1928 das historisch schlechteste Jahr für CHF-Obligationen. Bisher war 1989 mit -4% das nominal schlechteste Jahr und 1973 mit real -10.9% das ökonomisch schlechteste Kalenderjahr für Obligationäre. Nimmt man das erwartete Inflationsniveau von etwa 2.8% in der Schweiz dazu, dann ist der reale Wertverlust auf dem SBR14T CHF-Obligationenindex sogar - 14.20%, was einen historischen Negativrekord ergibt (s. Studie im Anhang mit den Renditen von CH-Aktien und CHF-Obligationen seit 1928).

Die höheren Zinsen tragen aber dazu bei, dass die Kurse der Obligation sich mit zunehmend kürzer werdender Restlaufzeit wieder erholen. Die neuen Anlagemöglichkeiten für Fälligkeiten werden künftig höher verzinst. Mit einem Zeithorizont von etwa 4,5 Jahren für den "kürzeren" Index (STR110T) werden die Verluste so kompensiert werden. Aber auch der konservative Zinsanlagen orientierte Investor wird für diese Durststrecke Geduld aufbringen müssen. Anleger mit längerem Laufzeitenprofil (SBR14T) werden entsprechend deutlich länger auf eine Erholung warten müssen (gut sieben Jahre).

Heutige Marktentwicklung und Anlagestrategie

Nach dem Kursprung der US-Aktienmärkte am vergangenen Freitag eröffnen die Märkte heute erneut im Plus. Der SMI-Index gewinnt aktuell etwa 0.4% und auch der Deutsche DAX-Index liegt etwa 0.9% im Plus. Für die US-Aktienmärkte wird heute gegenwärtig nochmals ein Gewinn von etwa 0.5% erwartet.
(Stand ca. 12:00 Uhr, 27.6.2022, Basel Zeit)

Dr. Sandro Merino

Chief Investment Officer

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Rechtliche Informationen

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