«Helden von Basel» #9: Michel (53) – Wir sagen DANKE!


Zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein: Michel weiss, wie wichtig das sein kann. Mit seinem Team vom «Verein für Gassenarbeit Schwarzer Peter» hilft er allen, deren Lebensmittelpunkt die Basler Gasse ist, ein möglichst normales Leben zu führen – soweit es eben geht.
Am 09.12.2022 in Von Basel. Für Basel. von Ekaterina Cámara

Das Wichtigste in Kürze

Das Wichtigste in Kürze

  • Michel ist Gassenarbeiter beim Verein «Schwarzer Peter» in Basel.
  • Jeden Tag versucht der 53-Jährige, Baslerinnen und Baslern ohne festen Wohnsitz mit Rat und Tat unter die Arme zu greifen.
  • Ob ein kleiner Tipp, Unterstützung bei bürokratischen Angelegenheiten oder auch nur ein freundliches Gespräch und Anteilnahme: Michel und sein Team machen unsere Stadt jeden Tag ein bisschen besser.

Steckbrief: Michel Steiner (53)

  • Geboren in: Basel, Matthäus-Quartier
  • Wohnort: Basel, Matthäus-Quartier
  • Beruf: Co-Geschäftsleiter und Gassenarbeiter, Verein «Schwarzer Peter»
  • Zivilstand: Getrennt lebend
  • Kinder: Tochter (10), Sohn (23)
  • Freizeitbeschäftigungen: Joggen & den «grünen Daumen» aktivieren in der selbst gegründeten «Klimagruppe Matthäus»
  • Lieblingsmusik: Abba & Queen
  • Lieblingslocations in Basel: Am Rheinboard, wenn es nicht zu voll ist & in den Langen Erlen
Früher Stationsleiter, heute Gassenarbeiter

An dieser Ecke. An jener Strasse. Und an dem Kiosk dort hinten. Beinahe überall in der Stadt trifft Michel Steiner heute auf Menschen, die ihn kennen und schätzen. Der diplomierte Pflegefachmann und ehemalige Stationsleiter einer Psychiatrie-Abteilung in Arlesheim arbeitet heute beim Basler Verein «Schwarzer Peter». Dort kümmert er sich um Menschen mit dem öffentlichen Raum als Lebensmittelpunkt. Menschen, die viele verdrängen und gerne «loswerden» würden, so wie die Karte im namensgebenden Kartenspiel.

Dank der «aufsuchenden sozialen Arbeit im öffentlich zugänglichen Raum», die er und andere Gassenarbeiterinnen und Gassenarbeiter im Team mehrmals wöchentlich betreiben, hat sich der Verein «Schwarzer Peter» in der Stadt längst als bekannte Institution etabliert: «Man kennt uns und den Verein relativ gut. Viele kommen auf mich zu, wenn sie mich auf der Strasse sehen. Dann plaudern wir über Gott und die Welt – und ab und zu lassen sich dabei potentielle Handlungsfelder für den Verein ausmachen.»


Es kann so viel bewirken, wenn jemand zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist.
Michel (53), Gassenarbeiter, Verein Schwarzer Peter Basel

Bild: Ab auf die Gasse

Die Brennpunkte Basels immer im Blick

Doch für was steht der Verein «Schwarzer Peter»? «Seit unser Verein 1983 gegründet wurde, wollen wir eine Vermittlerrolle zwischen hilfsbedürftigen Menschen und der Stadt einnehmen. Es gibt hier viele sozial und wirtschaftlich Benachteiligte – und sie brauchen ab und zu einfach ein wenig Unterstützung. Das kann Verschiedenes sein: Von der Hilfe bei der Kommunikation mit Behörden - dazu gibt es fixe Sprechstunden in unserem Büro - über Grillfeste oder Kleidersammlungen (z.B. Schlafsäcke und Isomatten im Winter), bis hin zum öffentlichen Dialog mit dem Kanton, den wir dann führen, wenn es Umstände gibt, auf die wir selbst keinen Einfluss haben. Und natürlich zählt auch die Gassenarbeit dazu: unsere Touren durch die Stadt in die Lebensmittelpunkte unserer Klientel. Da suchen wir vor allem die 'Brennpunkte' Basels auf, zeigen Präsenz und geben Informationsmaterial über unsere Tätigkeit ab.», erklärt Michel und fügt an: «Es scheint zwar eine Kleinigkeit zu sein, doch es kann so viel bewirken, wenn jemand zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist.»
Wenn ein positives Gespräch entsteht, dann ist das ein Erfolg.
Michel (53), Gassenarbeiter, Verein Schwarzer Peter Basel

Was hält der neue Tag 'auf Tour' bereit?

Wenn Michel wieder einmal loszieht, weiss er nicht, was die Tour «auf der Gass» heute so alles für ihn bereithält. Wie ist die Stimmung am Claraplatz und am Bahnhof SBB? «Dies sind in Basel wichtige Treffpunkte für Menschen, deren Lebensmittelpunkt sich im öffentlichen Raum befindet», so Michel. Trifft er bekannte oder neue Gesichter? Welche guten und weniger guten Neuigkeiten kommen ihm zu Ohren? Und: Wird er jemandem weiterhelfen können? «Wir zwingen uns nie auf. Wenn ein positives Gespräch mit einer Person entsteht oder wenn ein neuer Kontakt geknüpft werden kann, dann ist das für uns ein Erfolg. Je mehr solche 'funktionierenden Kontakte' entstehen, umso schöner ist es. Kommt es einmal aber nicht dazu, ist es auch gut. Jeder Tag ist halt nun mal anders. Und morgen ist ja wieder ein neuer Tag.»

Bild: «Hotspot» Claraplatz

Individuelle Herausforderungen erkennen, schnell und kompetent handeln

Die Probleme und Herausforderungen, die benachteiligte Menschen in Basel haben können, fallen unterschiedlich aus: Wohnungslosigkeit, Armut, Sucht, Schulden, Beziehungsprobleme, Herausforderungen juristischer Natur. Doch nicht immer kann der Verein selbst unterstützen. «Wenn wir merken, dass das Problem unsere Kompetenz übersteigt, verweisen wir an Dritte. Da gibt es in Basel viel: die kostenlose Rechtsberatung bei der GGG, die Schuldenberatung Plusminus, die Suchthilfe der Region Basel, und, und und...», erklärt Michel. «Die Leute brauchen oft nur einen kleinen Impuls, sich bei Profis zu melden. Da sind wir immer zur Stelle: wir beurteilen die Situation, soweit wir können und leiten die Menschen weiter an die Orte, wo ihnen noch besser geholfen werden kann.»

Bild: «Hotspot» Claraplatz

Es kann jeden treffen

Michel findet es schade, dass die Herausforderungen anderer oft ignoriert werden: «Viele verdrängen, dass es Armut in Basel gibt. Auch das Spektrum der Armutsbetroffenen wird mit der Zeit immer breiter. Wenn früher vor allem süchtige Menschen und Menschen mit psychischen Problemen zu unserer Klientel zählten, sind heute auch viele ehemals erfolgreiche Unternehmerinnen und Unternehmer darunter. Oder Menschen, die irgendwie anders Pech im Leben hatten. Das kann eigentlich jedem passieren – und schneller als man denkt. Es muss nur mal das 'eine zum anderen' kommen – schon ist man raus aus dem Akzeptanzradius der Gesellschaft. Man zieht – oder wird eben zum 'Schwarzen Peter'.»

Wohnungslosigkeit ist nicht gleich Obdachlosigkeit

Der Verein hat eine gute Übersicht, wie viele Menschen in Basel tatsächlich auf der Strasse leben – denn alle ohne ein Zuhause erhalten hier vorübergehend eine Meldeadresse für ihren Briefverkehr mit Behörden, Krankenkassen und der Sozialhilfe. «Derzeit sind es unseres Wissens nach rund 30 'Rough Sleepers', also Menschen, die tatsächlich im öffentlichen Raum, also in Parks, im Wald, in Unterführungen, Bahnhöfen etc. übernachten.», sagt Michel. «Die restlichen 300, die bei uns in etwa gemeldet sind, sind entweder 'Couch Surfer', die mangels eigener Wohnung bei Bekannten wohnen, oder kommen in Notunterkünften, der Heilsarmee, Notschlafstelle oder in Billigpensionen unter.»

Bild: «Post von Ämtern muss manchmal 'übersetzt' werden.» (Michel)

So helfen Michel und das Team vom «Schwarzen Peter» den Menschen auf der Gasse:

  • Beziehungspflege, Vertrauen aufbauen, zuhören
  • Weitergabe von Informationen an Sozialhilfe, Schulden- & Suchtberatung & anderen wichtigen Anlaufstellen
  • Bereitstellung einer Meldeadresse bei Wohnungslosigkeit
  • Hilfe beim Briefverkehr mit Behörden
  • Allfällige Konflikte schlichten
  • Für jeden, der Hilfe braucht, da sein

Die schönen und traurigen Momente teilen

Oft entstünden bei der Gassenarbeit eine Art 'professionelle Freundschaften', so Michel. «Man kennt sich lange, man weiss, was den anderen beschäftigt, man fängt an, den anderen gern zu haben. Umso erfreulicher ist es dann, wenn man hört, dass derjenige eine Wohnung oder einen Job gefunden hat und seine Meldeadresse bei uns nicht mehr braucht. Das passiert jede Woche einige Male.

Leider sind die Gründe, weshalb die Adresse nicht mehr benötigt wird aber nicht immer so erfreulich. Oft sind manche einfach nur zu nachlässig, um ihre Post bei uns abzuholen und 'verschwinden' aus unserem Blickfeld, oder es steckt vielleicht auch Schlimmeres dahinter. Der Tod ist einem 'auf der Gasse' grundsätzlich viel näher, als anderswo. Es geht uns natürlich sehr nah, wenn wir vom Tod einer Klientin oder eines Klienten erfahren. Mit kleinen Abdankungsfeiern, die wir dann manchmal organisieren, versuchen wir gemeinsam mit den Bekannten der oder des Verstorbenen den Verlust zu verarbeiten.»

Umso erfreulicher ist es, wenn man hört, dass jemand eine Wohnung oder einen Job gefunden hat.
Michel (53), Gassenarbeiter, Verein Schwarzer Peter Basel
Bild: Im Grossraumbüro, Verein Schwarzer Peter

«Ich wünschte, niemand in Basel würde unseren Verein brauchen»

Bei der Frage nach der Zukunft wird Michel nachdenklich: «Ich wünschte mir, niemand in Basel würde unseren Verein brauchen. Es ist schade, dass so viele Menschen in Basel es z.B. nötig haben, ihre Meldeadresse bei uns zu haben. Ich denke, hier sollten wir alle gemeinsam aktiver nach Lösungen suchen. Es ist eine Frage der sozialen Teilhabe. Erschreckend, dass sich viele Baslerinnen und Basler keine Wohnung leisten können, oder auch dass ein Kino- oder Cafébesuch für viele finanziell gar nicht möglich sind. Ich wünsche mir, dass die Zahl der Bedürftigen durch gemeinsames Engagement nach und nach sinkt und dass der Wohnraum bezahlbar bleibt.»

Bild: Auf der Gasse mit Manuela Jeker

Wozu abgrenzen? Jede Begegnung ist bereichernd.
Michel (53), Gassenarbeiter, Verein Schwarzer Peter Basel

Der Alltag bei der Vereinsarbeit bietet schöne aber oft auch traurige Momente. Die Frage nach Abgrenzung von seinem Arbeitsalltag stellt sich für Michel jedoch nicht: «Wozu abgrenzen? Jede Begegnung ist bereichernd. Wenn wir nicht helfen können, dann müssen wir auch das hinnehmen. Umso schöner ist es dafür dann, wenn wir es doch schaffen.»

Bild: Zwei Mal jährlich wird der 'PETER', das Magazin des Vereins «Schwarzer Peter», druckfrisch geliefert und an ca. 1'400 Menschen versendet.

Kennen Sie weitere Basler Heldinnen und Helden?

Kennen Sie Basler «Heldinnen» oder «Helden» aus dem Kanton Basel-Stadt, über die wir unbedingt berichten sollten? Erzählen Sie es uns! Wir freuen uns auf viele weitere tolle Geschichten über Menschen, die Basel durch ihr Engagement zu etwas ganz Besonderem machen.

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Ekaterina Cámara

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