Stabilität in Bewegung: Die Rentenrealität in der Schweiz

Die Schweiz altert. Und mit ihr das Vorsorgesystem. Was lange als eines der stabilsten Rentensysteme der Welt galt, gerät zunehmend unter Druck – nicht wegen kurzfristiger Krisen, sondern aufgrund von langfristigen Entwicklungen, die seit Jahren absehbar sind. Ein Artikel von Leiterin Vermögens- und Vorsorgeplanung Alexandra Müller.

Am 09.06.2026 in Vorsorge von Alexandra Müller

Auf einen Blick

  • Die Menschen leben von Jahr zu Jahr länger, es werden weniger Kinder geboren, und das Zinsniveau an den Kapitalmärkten ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken.
  • Diese Veränderungen sind weder ideologisch noch politisch. Sie sind demografisch und ökonomisch. Und genau deshalb lassen sie sich auch nicht wegdiskutieren.
  • Wer seine Vorsorge heute plant, schafft sich für morgen mehr Spielraum.

Ein Erfolgsmodell trifft auf eine neue Realität

Das Drei-Säulen-System der Schweiz war nie als starres Konstrukt gedacht, sondern als anpassungsfähiges Modell. Seine Stärke liegt darin, die Risiken zu verteilen: staatliche Sicherheit durch die AHV, individuelle Ersparnisse in der beruflichen Vorsorge und persönliche Verantwortung durch die private Vorsorge.

Das Ziel war ebenso klar wie ambitioniert: Rund 60 Prozent des letzten Einkommens sollten nach der Pensionierung aus der ersten und der zweiten Säule weiterhin zur Verfügung stehen. Doch dieses Ziel basiert auf Annahmen, die heute nur noch zum Teil gelten.

Als die heutigen Strukturen entstanden sind, war die durchschnittliche Rentenbezugsdauer deutlich kürzer. Gleichzeitig standen deutlich mehr Erwerbstätige einer vergleichsweise kleinen Zahl von Rentnerinnen und Rentnern gegenüber. Heute hat sich dieses Verhältnis grundlegend verschoben.

Entwicklung Anzahl der aktiven Versicherten in der Pensionskasse, 2015-2024

Bezügerinnen und Bezüger der Alters- und Hinterlassenenversicherung, Dezember 2001-2024

Die Mathematik der Demografie ist unerbittlich

Die vielleicht wichtigste Tatsache in der gesamten Vorsorgedebatte ist gleichzeitig die nüchternste: Demografie ist Mathematik. Wenn Menschen länger leben, beziehen sie länger Renten. Wenn gleichzeitig weniger Kinder geboren werden, stehen künftig weniger Beitragszahlende zur Verfügung. Wenn zudem die Renditen auf Vorsorgekapital sinken, wird es schwieriger, Leistungsversprechen zu finanzieren. Jede dieser Entwicklungen für sich wäre bereits eine Herausforderung. Zusammen verstärken sie sich gegenseitig. Das Resultat ist absehbar: Ohne Anpassungen entsteht ein wachsender Druck auf die Finanzierung der Altersvorsorge. Schlichtweg weil sich die Rahmenbedingungen verändert haben, das Vorsorgesystem nicht.

Die AHV: Stabil, aber zunehmend gefordert

Die erste Säule bleibt das Fundament der Schweizerischen Altersvorsorge. Ihr Solidaritätsprinzip gehört zu den wichtigsten stabilisierenden Faktoren des Systems. Doch gerade weil die AHV nach dem Umlageverfahren funktioniert, reagiert sie besonders sensibel auf demografische Veränderungen. Lagen die AHV-Ausgaben im Jahr 2024 bei rund 50 Milliarden Franken, so steigen diese in den kommenden Jahren kontinuierlich an auf rund 75 Milliarden Franken jährlich bis ins Jahr 2040.

Gesamte AHV-Ausgaben

Projektion der AHV-Ausgaben im Basismodell mit konstanten Modellparametern: Alle Ausgaben in Mio. CHF zu Preisen 2023

Wenn das Verhältnis zwischen Beitragszahlenden und Rentenbezügerinnen und -bezügern sinkt, entsteht also zwangsläufig Finanzierungsdruck. Dieser kann grundsätzlich nur durch drei Massnahmen aufgefangen werden: höhere Einnahmen, tiefere Leistungen oder strukturelle Anpassungen - wie zum Beispiel beim Thema Referenzalter. Diese Realität ist nicht neu. Sie wird seit Jahren von Expertinnen und Experten beschrieben.

Die zweite Säule: Zwischen Leistungsversprechen und Kapitalmarkt

Auch die berufliche Vorsorge steht vor einem strukturellen Spannungsfeld. Viele der heutigen Parameter stammen aus einer Zeit, in der das Zinsniveau an den Kapitalmärkten höher lag. Als die berufliche Vorsorge im Jahr 1985 eingeführt wurde, betrug der gesetzliche Umwandlungssatz 7,2 Prozent. Konkret heisst das, dass pro 100 000 Franken obligatorisches Altersguthaben eine Rente von 7200 Franken jährlich ausbezahlt wird. Heute sieht die Welt anders aus.

Tiefe Zinsen und höhere Lebenserwartungen machen es schwieriger, die ursprünglich kalkulierten Leistungen dauerhaft zu finanzieren. Entsprechend mussten viele Pensionskassen ihre Umwandlungssätze senken oder technische Annahmen anpassen. Nichtsdestotrotz liegt der obligatorische Umwandlungssatz immer noch bei 6.8 Prozent und somit ergibt sich aus 100 000 Franken obligatorischem Alterskapital eine Rente von 6800 Franken jährlich.

Der Mittelwert des Umwandlungssatzes von umhüllenden Pensionskassen (diese versichern obligatorische und überobligatorische Leistungen gemeinsam) liegt heute bei 5.3 Prozent (siehe Grafik unten).

Entwicklung Umwandlungssatz

Umwandlungssatz Männer (Rücktrittsalter 65) in % (Quelle: Swisscanto 2025)

Um bestehende Rentenversprechen stabil zu halten, kam es somit in der Vergangenheit zu Umverteilungen innerhalb der Systeme. Gemäss Schätzungen der Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge (OAK BV) wurden innerhalb der Jahre 2014 bis 2024 rund 42.5 Milliarden Franken umverteilt, das heisst Gelder wurden von aktiv Versicherten an Rentenbeziehende verschoben. In den Jahren 2021 bis 2023 war die Umverteilung aber rückläufig.

Auch die Bezugsform (Rente oder Kapital) hat einen unmittelbaren Einfluss auf die Pensionskassen. Das heisst je mehr Kapital anstelle von Renten bezogen wird, desto weniger muss umverteilt werden, um laufende Rentenverpflichtungen sicherzustellen. Die Gretchenfrage «Rente oder Kapital» ist eine sehr individuelle Entscheidung und kann auf der Basis einer persönlichen Finanzplanung fundiert getroffen werden. Gemäss Pensionskassenstudie der Swisscanto aus dem Jahr 2025 beziehen nur noch 39 Prozent der Versicherten in der Schweiz ausschliesslich Rente – fast ebenso viele (38 Prozent) das Kapital. (Kanton Basel-Stadt: 46 Prozent Rente, 15 Prozent Kapital, 21 Prozent Mischform; Quelle: BKB Vorsorgestudie 2026)

Anteil Kapital- und Rentenbezug (Rente, Kapital, Mix)

Durchschnitts-Anteil der Neurentnerinnen und Neurentner, in % (Quelle: Swisscanto 2025)

Vorsorgeeinrichtungen können relevante Umverteilungen über mehrere Jahre nur verhindern, indem sie langfristig finanzierbare Rentenversprechen eingehen. Es gilt: Je höher der Umwandlungssatz, desto höher muss die erwirtschaftete Rendite auf dem Alterskapital ausfallen. Im Jahr 2025 ging erstmals eine Generation in Rente, welche über die volle Laufzeit, nämlich 40 Jahre in die zweite Säule (BVG) einbezahlt hat. Diese Tatsache kann helfen, dass sich die Umverteilung weiter stabilisiert.

Auch eine weitere Senkung des gesetzlichen Umwandlungssatzes entspricht der neuen Realität, aber Gesetzesänderungen scheiterten im Jahr 2017 und im September 2024. Die BVG-Reform sah vor, den gesetzlichen Umwandlungssatz auf 6 Prozent zu senken, das heisst neu pro 100 000 Franken obligatorisches Altersguthaben nur noch eine jährliche Rente von 6000 Franken auszubezahlen. Die BVG-Reform wurde vom Stimmvolk abgelehnt und der obligatorische Umwandlungssatz liegt im Jahr 2026 nach wie vor bei 6.8 Prozent. Umhüllende Pensionskassen lösen diese Herausforderung damit, dass der Umwandlungssatz im Überobligatorium, welches gesetzlich nicht geregelt ist, reduziert wird.

Das Leistungsziel bleibt – der Weg dorthin wird anspruchsvoller

Die Idee, dass die Renten aus AHV und Pensionskasse zusammen rund 60 Prozent des gewohnten Lebensstandards nach Pensionierung sichern sollen, bleibt gesellschaftlich breit akzeptiert. Doch der Weg dorthin wird anspruchsvoller.

Für viele zukünftige Pensionierte dürfte die effektive Ersatzquote ohne zusätzliche Massnahmen tiefer ausfallen als bei früheren Generationen. Nicht als Folge politischer Entscheide allein, sondern als Resultat ökonomischer und demografischer Entwicklungen. Damit verschiebt sich auch die Rolle der privaten Vorsorge.

Die dritte Säule wird zur strategischen Komponente

Die private Vorsorge entwickelt sich zunehmend von einer optionalen Ergänzung zu einem strategischen Bestandteil der persönlichen Finanzplanung. Wer Vorsorgelücken vermeiden will, kommt immer weniger darum herum, sich frühzeitig mit zusätzlichem Sparen auseinanderzusetzen.

Rente im prozentualen Verhältnis zum letzten Jahreslohn (ohne 3. Säule)

Das bedeutet nicht, dass staatliche und berufliche Vorsorge ihre Bedeutung verlieren, aber oftmals werden die 60 Prozent des Einkommens vor der Pensionierung mit der ersten und zweiten Säule nicht erreicht. Dann muss das freie Vermögen oder eben die dritte Säule einspringen. Insgesamt bedeutet das, dass das Gesamtsystem stärker auf drei gleichwertige Pfeiler angewiesen sein könnte als ursprünglich gedacht.


Politik: Die eigentliche Frage ist nicht ob, sondern wann reformiert wird

In der politischen Diskussion werden verschiedene Reformoptionen regelmässig debattiert. Mehr Beiträge, zusätzliche Finanzierung, Leistungsanpassungen oder strukturelle Reformen. Doch unabhängig von der konkreten Ausgestaltung bleibt eine grundlegende Erkenntnis bestehen: Systeme mit steigender Leistungsdauer müssen sich strukturell anpassen, wenn die Finanzierungsbasis nicht im gleichen Mass wächst.

Diese Logik gilt unabhängig vom jeweiligen Land oder System

Ein oft unterschätzter Aspekt der Vorsorgepolitik ist der Zeitfaktor. Frühzeitige Anpassungen erlauben graduelle Veränderungen. Späte Reformen erfordern meist deutlich einschneidendere Massnahmen. Die Altersvorsorge ist deshalb ein klassisches Beispiel für Politik mit sehr langen Wirkungszyklen und Übergangsfristen. Entscheidungen von heute entfalten ihre Wirkung oft erst in zwanzig oder dreissig Jahren. Gerade deshalb wird Planungssicherheit zu einem entscheidenden Faktor – sowohl für Institutionen als auch für Individuen.

Das Rentenalter als Teil der strukturellen Realität

Eine der sachlich naheliegendsten Stellschrauben ist dabei die Entwicklung des Rentenalters. Wenn die Lebenserwartung über Jahrzehnte kontinuierlich steigt, während das Rentenalter konstant bleibt, verlängert sich automatisch die Rentenbezugsdauer. Dadurch verschiebt sich das Gleichgewicht zwischen Beitragszeit und Leistungszeit.

Eine schrittweise Anpassung des Rentenalters ist deshalb weniger eine politische Forderung als eine systemische Überlegung, die sich aus der Logik der Entwicklung ergibt. Viele Ökonomen betrachten sie als eine der effizientesten Massnahmen, weil sie gleichzeitig die Finanzierungsdauer verlängert und die Leistungsdauer verkürzt. Für eine solche Massnahme sind sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber gefragt. Länger zu arbeiten klingt nach einem logischen Schritt, aber es braucht Arbeitsplätze, die dafür zur Verfügung stehen.

Ehrlichkeit als Grundlage der langfristigen Stabilität

Die Stabilität eines Vorsorgesystems hängt nicht nur von Zahlen ab, sondern auch von der Bereitschaft, Realitäten anzuerkennen. Demografie lässt sich nicht verhandeln. Lebenserwartung lässt sich nicht politisch festlegen. Kapitalmarktrenditen lassen sich nicht beschliessen. Was sich jedoch gestalten lässt, ist der Umgang mit diesen Fakten.

Fazit: Die Zukunft der Altersvorsorge entscheidet sich an der Anpassungsfähigkeit

Die Schweizer Altersvorsorge steht nicht vor einem Kollaps. Aber sie steht vor der Notwendigkeit, sich weiterzuentwickeln. Die Eigenschaft der Anpassungsfähigkeit wird in Zukunft entscheidend sein. Langfristige Stabilität entsteht nicht dadurch, dass Systeme unverändert bleiben, sondern dadurch, dass sie sich rechtzeitig an neue Realitäten anpassen. Oder anders gesagt: Nicht der Wandel ist das Risiko für die Altersvorsorge. Sondern das Ausbleiben von Anpassungen.

Vorsorge beginnt mit einem Plan

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Alexandra Müller

Leiterin Vermögens- und Vorsorgeplanung

Quellen:
https://www.oakbv.admin.ch/inhalte/Themen/Erhebung_finanzielle_Lage/2024/Bericht_zur_finanziellen_Lage_der_Vorsorgeeinrichtungen_2024.pdf
https://finpension.ch/de/wissen/entwicklung-der-ahv-rente
https://www.bsv.admin.ch/dam/de/sd-web/xVUx7cgFGq4t/ahv_stat_2024_d.pdf
https://www.bsv.admin.ch/de/statistik-ahv
https://ppcmetrics.ch/de/umverteilung-in-der-pensionskasse-juengere-generationen-bleiben-in-der-schweiz-die-leidtragenden
https://www.swisscanto.com/media/swc/dokumente/pensionskassenstudien/pk-studie-2025/Pensionskassenstudie2025_DE.pdf

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