Die Strasse von Hormus bleibt der Brennpunkt der Krise. Die USA wollen blockierte Schiffe aus dem Golf begleiten. Iran warnt vor einer Verletzung der Waffenruhe. Damit steigt das Risiko eines Zwischenfalls. Zugleich halten hohe Ölpreise den Inflationsdruck hoch. Die Notenbanken bleiben gefordert. Für Anlegerinnen und Anleger zählt jetzt vor allem eines: Ruhe bewahren und breit investiert bleiben.
Heute in CIO-Kommentar von Dr. Sandro Merino

Die Lage im Persischen Golf bleibt trotz formaler Waffenruhe unverändert fragil. Nach der Eskalation der vergangenen Wochen verlagert sich der Konflikt zunehmend auf die Frage, wer die Kontrolle über die Strasse von Hormus faktisch ausübt. Präsident Donald Trump hat angekündigt, dass die USA ab heute damit beginnen wollen, neutrale und im Persischen Golf blockierte Schiffe durch die Meerenge hinauszuführen. Offiziell wird dieser Schritt als humanitäre Massnahme begründet: Schiffe, Besatzungen, Unternehmen und Länder, die nicht Konfliktpartei seien, sollten nicht länger Opfer der Umstände bleiben.

Gerade diese Begründung macht die Lage jedoch nicht weniger riskant. Die Operation soll zwar nach bisherigen Angaben nicht zwingend klassische US-Navy-Eskorten umfassen, sondern zunächst eine koordinierte Passage mit militärischer Unterstützung durch Zerstörer, Flugzeuge und Drohnen ermöglichen. Dennoch entsteht damit eine neue Zwischenform aus humanitär begründeter Passagehilfe, militärischer Absicherung und fortbestehender Blockadelogik. Für die Finanzmärkte ist diese Grauzone schwer zu deuten, weil sie weder klare Deeskalation noch offene Eskalation bedeutet.

Iran hat bereits signalisiert, dass jede amerikanische Einmischung in Hormus als Verletzung der Waffenruhe gewertet werden könnte. Gleichzeitig wurde ein Tanker nahe Fujairah (Golf von Oman, Vereinigte Arabische Emirate) offenbar von Projektilen getroffen, auch wenn die Besatzung gemäss den vorliegenden Berichten unverletzt blieb. Damit bleibt die Gefahr von Zwischenfällen auf See erheblich. In einer derart verdichteten militärischen Lage kann bereits ein begrenztes Ereignis grössere politische Wirkung entfalten.

Der Ölpreis spiegelt diese Unsicherheit. Brent handelt weiterhin auf erhöhtem Niveau (aktuell bei 109 USD/Fass). Entscheidend ist dabei weniger die einzelne Preisbewegung von Tag zu Tag als die Tatsache, dass Hunderte Schiffe im Golf blockiert bleiben und grosse Teile der regionalen Ölproduktion gedrosselt wurden, weil Transport- und Lagerkapazitäten eingeschränkt sind. Die Strasse von Hormus bleibt damit nicht nur ein militärischer Engpass, sondern ein zentraler Stresstest für Energiepreise, Lieferketten und globale Risikoanlagen.

Neu hinzu kommt die chinesische Dimension. Peking hat Unternehmen angewiesen, bestimmte US-Sanktionen gegen chinesische Raffinerien mit Iran-Bezug nicht zu befolgen. Damit wird der Iran-Konflikt noch stärker in die Rivalität zwischen den USA und China hineingezogen. Bisher hatte China amerikanische Sanktionen häufig rhetorisch kritisiert, aber grossen Unternehmen stillschweigend Spielraum gelassen, um den Zugang zum US-Finanzsystem nicht zu gefährden. Die nun von China gewählte Linie ist konfrontativer. Sollte Washington sekundäre Sanktionen gegen chinesische Banken oder grössere staatliche Akteure ausweiten, würde aus einem regionalen Krieg potenziell rasch ein breiterer Sanktions- und Finanzsystemkonflikt. Der Energiemarkt, die internationale Zahlungsabwicklung und die geopolitische Blockbildung würden dann noch enger miteinander verknüpft. Das Risiko liegt somit nicht nur in Hormus selbst, sondern in der Möglichkeit, dass aus einer maritimen Krise eine globale Sanktionen-Eskalation entsteht.

Geldpolitik zwischen Energieschock und Glaubwürdigkeit

Die wichtigsten Notenbanken reagieren auf diese Lage unterschiedlich, stehen aber vor einem ähnlichen Grundproblem: Der Energiepreisschock erhöht die Inflation, während seine wirtschaftlichen Folgewirkungen noch schwer abzuschätzen sind.

In den USA hat die Notenbank Fed die Zinsen am vergangenen Mittwoch, 29. April unverändert gelassen. Bemerkenswert war weniger der Entscheid selbst als die ungewöhnlich breite Spannweite der Positionen innerhalb des Offenmarktausschusses. Mehrere Stimmen wollten eine falkenhaftere Linie (Erhöhung der Leitzinsen) signalisieren, während eine Stimme offenbar rasche Zinssenkungen bevorzugte. Dieser Dissens fällt in eine Phase institutionellen Übergangs. Der bisherigen Notenbankchef Jerome Powell verabschiedet sich aus der Führungsrolle, während Kevin Warsh voraussichtlich Mitte Mai übernimmt und bereits im Juni seine erste geldpolitische Sitzung leiten dürfte. Für Warsh ist die Ausgangslage anspruchsvoll. Die Inflation liegt weiterhin klar über dem Ziel der Fed (3.3% Konsumentenpreis-Inflation im März) und höhere Ölpreise könnten mit Verzögerung auch auf breitere Preisindikatoren durchschlagen. Gleichzeitig zeigt sich die US-Konjunktur robuster, als es die geopolitische Nachrichtenlage vermuten liesse. Der Konsum hält sich gut, die Investitionen in KI-Infrastruktur bleiben stark, und der Arbeitsmarkt sendet bisher keine akuten Rezessionssignale. Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, dass die Märkte derzeit kaum noch mit Zinssenkungen im laufenden Jahr rechnen.

Allerdings ist die US-Konjunktur nicht unverwundbar. Die Sparquote der privaten Haushalte ist deutlich gesunken, während das reale verfügbare Einkommen zuletzt stagnierte. Ein Teil des Konsums wird somit stärker vom Vermögenseffekt steigender Aktienmärkte getragen. Solange die Börsen stabil bleiben, kann dies die Nachfrage stützen. Sollte es jedoch zu einer erneuten Korrektur kommen, würde auch der Konsum einkommensstarker Haushalte anfälliger.

In der Eurozone ist das Bild noch unangenehmer. Die EZB hat am 30. April den Leitzins ebenfalls unverändert gelassen, sie hat aber klar signalisiert, dass sie im Juni bereit sein könnte, die Zinsen anzuheben. Die Wachstumsdynamik ist schwach: Das BIP der Eurozone legte im ersten Quartal nur leicht zu, Frankreich stagnierte, während Deutschland und Italien immerhin etwas besser abschnitten als erwartet. Gleichzeitig haben sich die Stimmungsindikatoren im April deutlich verschlechtert.

Der Inflationsdruck kommt vor allem über Energie. Die Gesamtinflation der Eurozone stieg im April auf 3.0%, während die Kerninflation mit 2.2% etwas moderater bleibt. Genau darin liegt aber das Problem für die EZB: Ein Energiepreisschock kann zunächst als externer Impuls erscheinen, gewinnt aber geldpolitische Relevanz, sobald Unternehmen und Haushalte höhere Inflationserwartungen bilden und Zweitrundeneffekte entstehen. Christine Lagarde hat deshalb den Boden für eine mögliche Zinserhöhung im Juni bereitet.

Damit stehen Fed und EZB vor unterschiedlichen Varianten desselben Dilemmas. Die Fed kann wegen der robusteren US-Konjunktur abwarten, muss aber gegen eine zu hohe Inflation glaubwürdig bleiben. Die EZB hingegen sieht sich mit einem schwächeren Wachstumsumfeld konfrontiert, kann den Inflationsanstieg aber ebenfalls nicht vollständig ignorieren. Für die Märkte bedeutet dies: Die Phase rascher Zinssenkungserwartungen ist vorerst vorbei.

Rezessionsrisiken steigen, aber die US-Konjunktur scheint widerstandsfähig

Der Iran-Krieg und die hohen Energiepreise erhöhen ohne Zweifel die Verwundbarkeit der Weltwirtschaft. Dennoch ist eine US-Rezession derzeit nicht das wahrscheinlichste Szenario. Die verfügbaren Konjunktursignale deuten eher auf eine Wirtschaft hin, die anfällig für weitere Schocks geworden ist, aber deren Kern noch intakt bleibt.

Der wichtigste Stabilisator ist weiterhin der US-Konsum. Zwar belasten höhere Benzin- und Energiepreise die Kaufkraft, doch starke Steuererstattungen, solide Vermögenspositionen einkommensstarker Haushalte und die Erholung der Aktienmärkte haben den negativen Effekt bisher teilweise kompensiert. Auch die Unternehmensinvestitionen bleiben robust, insbesondere im Bereich KI-Infrastruktur. Diese Investitionen ersetzen den Konsum nicht als Hauptmotor der Wirtschaft, sie verhindern aber, dass die Wachstumsdynamik abrupt abreisst.

Der Arbeitsmarkt ist der entscheidende Prüfstein. Auch hier gibt es Schwächen, aber noch keine klaren Bruchstellen. Mehr Branchen bauen Stellen auf als ab, temporäre Beschäftigung stabilisiert sich, und die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe zeigen bislang keinen deutlichen Anstieg der Entlassungen. Zudem reduziert die demografische Entwicklung zusammen mit einer restriktiveren Einwanderungspolitik das Wachstum des Arbeitsangebots. Die US-Wirtschaft braucht deshalb weniger starke Beschäftigungszuwächse als früher, um die Arbeitslosenquote stabil zu halten.

Die grössten Risiken bleiben klar erkennbar. Erstens könnte eine erneute Eskalation in Hormus den Ölpreis weiter nach oben treiben und gleichzeitig die Aktienmärkte belasten. Zweitens könnte ein Sanktionskonflikt zwischen den USA und China das Finanzsystem und den Welthandel stärker erfassen. Drittens bleibt der US-Wohnungsmarkt unter Druck, weil Hypothekarzinsen wieder deutlich über 6% liegen und die Wohnbauinvestitionen belasten.

Unsere Anlagestrategie bleibt unverändert

Wir behalten in unserer Anlagestrategie die moderate Übergewichtung von Aktien bei. Die sehr breit diversifizierte Anlagestruktur bleibt der wichtigste Schutz gegen politische und makroökonomische Unschärfe. Gold erfüllt weiterhin seine Rolle als Absicherung gegen die Unsicherheiten aus der weiterhin rasant weiter steigenden US-Staatsverschuldung. Gleichzeitig rechtfertigt das Umfeld keine aggressive Erhöhung der Risikopositionen. Die obwohl in einigen Märkten (S&P 500 Index, Nikkei Index) neue Allzeithochs erreicht wurden.

Heutige Marktentwicklung (Stand ca. 10:15 Uhr, 4. Mai, 2026, Basel Zeit)

Der Schweizer Aktienmarkt (SMI-Index) ist gegenwärtig mit -0.2% wenig verändert. Der deutsche Aktienindex (DAX) notiert gegenwärtig kaum verändert. Für den US-Aktienmarkt zeichnet sich heute ebenfalls eine wenig veränderte Eröffnung ab. Der Goldpreis ist Ende April etwas gefallen und liegt aktuell bei rund 115 200 CHF pro Kilogramm.

Dr. Sandro Merino

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