Nahost: Atempause in Hormus, aber keine Entwarnung beim Ölpreis
Nach der deutlichen Eskalation der Vorwoche hat sich die Lage im Nahen Osten zuletzt etwas beruhigt. Die USA haben ihre Angriffe auf Iran nach fast zwei Wochen militärischer Operationen vorerst pausiert. Auch Teheran signalisierte, seine Vergeltungsschläge einstweilen auszusetzen. Gleichzeitig fanden Gespräche zwischen Iran und Oman über die Schifffahrt durch die Strasse von Hormus statt. Für die Finanzmärkte war dies zunächst eine Entlastung: Der Ölpreis gab deutlich nach, nachdem zuvor die Sorge vor einer erneuten schweren Beeinträchtigung der Energieversorgung zugenommen hatte.Diese Atempause ist aber noch keine Entwarnung. Solange nicht klar ist, unter welchen Bedingungen der Schiffsverkehr wieder verlässlich und dauerhaft normalisiert werden kann, bleibt der Ölmarkt anfällig für neue Risikoprämien. Hinzu kommt, dass die USA ihre militärischen Optionen ausdrücklich offenhalten. Die Pause bei den Angriffen kann daher als diplomatisches Fenster verstanden werden, nicht aber als stabile Deeskalation.
Besonders problematisch ist, dass sich die Risiken nicht mehr nur auf Hormus konzentrieren. Auch im Roten Meer und in der Bab-el-Mandeb-Route haben Angriffe der Houthi-Milizen erneut Sorgen ausgelöst. Damit gerät ein wichtiger alternativer Transportweg für Öl aus der Golfregion ebenfalls unter Druck. Wenn sowohl die Strasse von Hormus als auch Ausweichrouten politisch oder militärisch unsicher werden, erhöht sich die Verwundbarkeit der globalen Energieversorgung deutlich.
Japan-Aktien: Übergewicht bleibt trotz politischem Gegenwind
Unsere taktische Übergewichtung japanischer Aktien hat sich im bisherigen Jahresverlauf klar ausgezahlt. Der MSCI Japan erzielte vom Jahresende 2025 bis zum 24. Juli eine Total-Return-Performance von 19.37 % in JPY beziehungsweise 17.72 % in CHF. Damit lag Japan aus Sicht eines Schweizer Anlegers deutlich vor dem Swiss Performance Index mit 10.15 % und auch vor dem S&P 500, der in Schweizer Franken gerechnet auf 11.75 % kam. Bemerkenswert ist zudem, dass der Yen für Schweizer Anleger zuletzt nicht zusätzlich belastete: Der Preis von 100 JPY in CHF ist im Juni und Juli sogar leicht gestiegen.Gleichzeitig beobachten wir die politischen Entwicklungen in Japan aufmerksam. Die Zustimmungswerte von Premierministerin Sanae Takaichi sind zuletzt gefallen, vor allem weil viele Haushalte mit den hohen Lebenshaltungskosten unzufrieden bleiben. Im japanischen Alltag zeigt sich dies sehr konkret im Supermarkt: Reis, eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel des Landes, ist deutlich teurer geworden und steht damit sinnbildlich für den politischen Druck, den die Inflation auf die Regierung ausübt. Entsprechend sensibel ist auch die Diskussion über mögliche Entlastungen bei der Lebensmittelsteuer.
Hinzu kommen offene Fragen zur Fiskalpolitik, zu möglichen Steuersenkungen, zu höheren Verteidigungsausgaben und zum weiteren Zinspfad der Bank of Japan. Die japanische Notenbank dürfte kurzfristig vorsichtig bleiben, doch die Normalisierung der Geldpolitik bleibt ein wichtiges Thema. Für die Aktienmärkte ist entscheidend, dass diese politischen und geldpolitischen Unsicherheiten bisher nicht ausgereicht haben, um die positive Marktdynamik zu brechen.
Wir halten deshalb an unserer taktischen Übergewichtung japanischer Aktien fest. Die starke Performance im bisherigen Jahresverlauf, die anhaltenden Unternehmensreformen, die verbesserte Kapitaldisziplin und das internationale Anlegerinteresse sprechen weiterhin für Japan. Inflations- und Fiskalfragen müssen sorgfältig beobachtet werden, sie stellen derzeit aber keinen ausreichenden Grund dar, die taktische Positionierung aufzugeben.
Fed im Fokus: Zinspause im geopolitischen Sturm
Der geldpolitische Fokus liegt in dieser Woche klar auf der US-Notenbank. Die Fed entscheidet am Mittwoch, 29. Juli, über ihren Leitzins. Die Europäische Zentralbank tritt erst wieder am 10. September mit einer geldpolitischen Entscheidung an die Märkte, die nächste geldpolitische Lagebeurteilung der Schweizerischen Nationalbank folgt am 24. September. Damit steht vorerst Kevin Warsh im Zentrum der Aufmerksamkeit.Nach den freundlicheren US-Inflationsdaten für Juni ist der unmittelbare Druck in Richtung einer Zinserhöhung zwar gesunken. Gleichzeitig sprechen die erneuten Energiepreisrisiken, die geopolitische Unsicherheit und die weiterhin erhöhte Inflation gegen eine rasche geldpolitische Entwarnung. Der wahrscheinlichste Entscheid am Mittwoch ist daher eine Zinspause mit restriktivem Unterton. Die Fed dürfte die Leitzinsen unverändert lassen, zugleich aber ihr Bekenntnis zum Inflationsziel von 2 % erneut deutlich betonen.
Die Zins-Terminmärkte rechnen allerdings weiterhin mit einer Straffung im weiteren Jahresverlauf. Bis Dezember sind gemäss Fed-Funds-Futures 1 bis 2 Zinsschritte à 25 Basispunkte eingepreist. Ein unveränderter Entscheid am Mittwoch wäre deshalb keine geldpolitische Entwarnung, sondern eher eine Pause unter Straffungsvorbehalt.
Die Lage ist für die Fed anspruchsvoll. Einerseits hat sich der zugrunde liegende Preisdruck zuletzt etwas beruhigt, und der Arbeitsmarkt zeigt zwar keine Überhitzung, bleibt aber stabil. Andererseits hat die erneute Belastung im Nahen Osten die Energiepreise wieder stärker in den Vordergrund gerückt. Sollte sich dieser Anstieg verfestigen, würde dies die Inflationsprognosen erneut nach oben verzerren. Zudem wirken strengere Finanzierungsbedingungen bereits teilweise wie eine geldpolitische Straffung, sodass die Fed nicht zwingend sofort mit einer Zinserhöhung reagieren muss.
Auch die US-Konjunktur zeigt ein gemischtes, aber insgesamt widerstandsfähiges Bild. Der Konsum bleibt robust, die Arbeitslosigkeit niedrig und die Investitionen im Bereich künstliche Intelligenz stützen weiterhin wichtige Teile der Wirtschaft. Gleichzeitig sind nicht alle Bereiche stark: Der Wohnungsmarkt bleibt durch hohe Hypothekarzinsen belastet, und ausserhalb des KI-Komplexes ist die Investitionsdynamik weniger überzeugend. Damit bleibt die Wirtschaft widerstandsfähig, aber nicht frei von Verwundbarkeiten.
Für die Märkte wird deshalb weniger der Zinsentscheid selbst entscheidend sein als die Kommunikation von Kevin Warsh. Eine unveränderte Geldpolitik dürfte weitgehend erwartet werden. Wichtiger wird sein, ob die Fed die jüngsten Inflationsdaten als Beginn einer nachhaltigen Entspannung interpretiert oder ob sie wegen Ölpreis, Nahost-Risiken und Zöllen eine weiterhin klar restriktive Haltung betont. Unser Basisszenario bleibt eine längere Zinspause auf restriktivem Niveau.
Auch in der Schweiz preisen die Zinsmärkte inzwischen wieder ein gewisses Straffungsrisiko ein. Die Overnight-Index-Swaps implizieren bis Dezember 2026 ungefähr einen halben Zinsschritt und bis März 2027 etwa einen vollen Zinsschritt. Wir werten dies jedoch vor allem als Momentaufnahme in einem Umfeld erhöhter Energiepreis- und Inflationsrisiken. Aus den aktuellen Marktpreisen lässt sich noch keine verlässliche Erwartung eines SNB-Zinserhöhungszyklus im Jahr 2027 ableiten. Unser Basisszenario bleibt ein stabiler SNB-Leitzins bei 0 %.
Heutige Marktentwicklung (Stand ca. 10:30 Uhr, 27. Juli 2026, Basel Zeit)
Die Deeskalation und die erneuten diplomatischen Bemühungen im Nahen Osten sowie der fallende Ölpreis geben den Aktienmärkten heute Aufwind. Der SMI gewinnt gegenwärtig 0.25%. Der deutsche Aktienindex (DAX) liegt derzeit mit rund 1.25 % im Plus. Für die US-Aktienmärkte signalisieren die Terminbörsen für heute Nachmittag ebenfalls eine freundliche Eröffnung.
Dr. Sandro Merino, Chief Investment Officer
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