Der demografische Wandel stellt das Schweizer Vorsorgesystem vor immer neue Herausforderungen. Alexandra Müller, Leiterin Vermögens- und Vorsorgeplanung bei der Basler Kantonalbank, ist überzeugt: Eine kluge Vorsorgeplanung ist deshalb wichtiger denn je.
Gestern in
Vorsorge
von
Alexandra Müller
Steckbrief von Alexandra Müller
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Position: Leiterin Vermögens- und Vorsorgeplanung
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Standort: Basel
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Was mich motiviert: Wenn unsere Kundinnen und Kunden happy aus der Bank herauslaufen.
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Mein grösstes Learning: Gut ist oftmals besser als perfekt.
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Lieblings-Tool im Alltag: Meine To-do-Liste.
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Was mich inspiriert: Menschen, die eine grosse Leidenschaft für ein Thema haben.
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Funfact über mich: Mein Kaffee wird garantiert immer kalt.
Alexandra, wie gut sind wir in der Schweiz heute für das Alter abgesichert?
Ich würde sagen, dass wir in der Schweiz generell sehr gut aufgestellt sind. Aber wenn man genauer hinschaut, ist natürlich vieles im Wandel. Lange Zeit galt, dass die erste und die zweite Säule 60 Prozent des Einkommens abdecken sollten. Darauf kann man sich heute nicht mehr verlassen, weshalb die Eigenverantwortung und damit auch das Sparen im freien Vermögen und über die dritte Säule immer wichtiger wird. Es ist ein Fakt: Wir werden immer älter. Wenn man dabei auch noch gesund bleiben darf, ist das schön. Doch diese hohe Lebenserwartung, die tiefe Geburtenrate und das tiefe Zinsniveau stellen bisherige Vorsorgemodelle vor Herausforderungen.
Wann wird Vorsorge zur Sorge, dass das Geld im Alter knapp werden könnte?
Dann, wenn die Vorsorge mit Sorglosigkeit angegangen wird. Panik ist sicher fehl am Platz. Vorsorge ist häufig ein Luxusproblem, weil es um den Erhalt des gewohnten Lebensstandards und nicht ums nackte Überleben geht. Trotzdem ist es sehr wichtig, sich Gedanken zu machen, wie man nach der Pensionierung leben möchte und ob dies ohne weiteres Zutun möglich sein wird. Eins ist sicher: Vorsorge ist ein komplexes Thema, und man benötigt ein gewisses Finanzgrundwissen, um überhaupt zu erkennen, ob es Handlungsbedarf gibt oder nicht.
In der Vorsorge gibt es dieses Jahr wieder einige Neuerungen. Was sollte man beachten?
Aktuell dominieren zwei Themen: einerseits der nachträgliche Einkauf in die Säule 3a, der ab diesem Jahr möglich ist und Fragen aufwirft. Andererseits erhalten Rentnerinnen und Rentner im Dezember erstmals eine 13. AHV-Rente. Und kaum ist die letzte AHV-Reform umgesetzt, wird bereits über die nächste diskutiert. Es ist zum Teil schon fast eine Zumutung, was die Leute alles wissen sollten! Diese Veränderungen machen unseren Job umso spannender, indem wir vereinfachen, erklären und beraten.
Die 13. AHV-Rente bringt Pensionierten künftig rund acht Prozent mehr Einkommen. Ist das ein spürbarer Befreiungsschlag oder eher ein kleiner Zustupf?
Die 13. AHV-Rente kostet die Schweiz 4 bis 5 Milliarden Franken pro Jahr – ein massiver Betrag! Wer bekommt schon eine Lohnerhöhung von 8 Prozent? In diesem Sinne ist es mehr als nur ein Zustupf. Wir müssen aber ehrlich sein: Die meisten Kundinnen und Kunden, die wir beraten, freuen sich sehr wohl darüber. Es gibt also Reformen, aber die private Vorsorge bleibt sehr wichtig.
Wann ist der beste Zeitpunkt, um sich ernsthaft mit der eigenen Vorsorge zu befassen?
Es gibt gewisse Lebensereignisse, die oft den Ausschlag geben, so etwa der Beginn der Lehre oder der Abschluss des Studiums und der damit verbundene Eintritt ins Erwerbsleben. Nachher sind es vor allem Heirat, Kinder, Hauseigentum, Scheidung und Pensionierung, die das Thema Vorsorge in den Fokus rücken. Ab Alter 50 ist es schlicht und einfach ein Muss – da ist noch vieles möglich, weil bis zur Pensionierung ja noch 15 Jahre bleiben. Danach wird es immer schwieriger, etwa weil der Anlagehorizont immer kürzer wird. Ausserdem gibt es wichtige Fristen, die man beachten muss. Darum ist die Planung der Vorsorge so entscheidend.
Ist gute Vorsorge heute eine Frage der Planung oder immer noch eine Frage des Einkommens?
Beides ist sehr wichtig. Es gibt Situationen, in denen heute Leute sehr viel Geld haben, aber keinen Plan. Umgekehrt gibt es Leute, die wenig Einkommen haben, aber dafür einen guten Plan. Die Frage ist, wie viel Geld Ende Monat übrig bleibt und was man damit macht. Wenn es ums Investieren geht, glauben nach wie vor etliche Leute, dass man viel Geld haben muss. Man muss aber tatsächlich bei Weitem nicht Millionär sein, um sinnvoll investieren zu können.