Die bevorstehenden US-Kongresswahlen werden zur Machtprobe für Präsident Donald Trump. Die jüngsten Umfragen der New York Times und der Siena University zeigen eine gestärkte Position der Demokraten. Auch ein Mehrheitswechsel im Senat erscheint inzwischen durchaus möglich.
Demokratische Kandidaten liegen nicht nur in Michigan, sondern auch in den bislang republikanisch vertretenen Staaten Texas, Kansas, Maine und Ohio vorne. In Alaska besteht ein knapper Vorsprung, während das Rennen in Iowa praktisch ausgeglichen ist. Für eine Mehrheit im Senat benötigen die Demokraten einen Nettogewinn von vier Sitzen.
Über die Senatsmehrheit entscheiden die gewonnenen Sitze in den einzelnen Bundesstaaten, nicht der landesweite Stimmenanteil. Die Demokraten benötigen einen Nettogewinn von vier Sitzen. Michigan ist dabei ein wichtiger Verteidigungsposten, während North Carolina, Maine und Ohio Chancen auf zusätzliche Mandate bieten. Ein möglicher Weg zur Mehrheit wären Siege in diesen drei Staaten sowie ein weiterer Erfolg in Texas, Kansas, Alaska oder Iowa – vorausgesetzt, die Demokraten behalten alle bisherigen Sitze. Die guten Umfragewerte in den republikanischen Hochburgen Texas und Kansas erweitern somit ihre Möglichkeiten. Jeder Verlust eines bislang demokratischen Sitzes müsste allerdings durch einen zusätzlichen Zugewinn ausgeglichen werden.
Allerdings sind Umfragen keine Wahlergebnisse: Mehrere Rennen bleiben eng, und bereits frühere Wahlen haben gezeigt, dass systematische Umfragefehler das Gesamtbild erheblich verändern können.
Bemerkenswert ist die wirtschaftspolitische Dimension dieser Entwicklung. Nach dem vorliegenden Bericht der New York Times belasten insbesondere die hohen Lebenshaltungskosten und die Unzufriedenheit mit Trumps Wirtschaftspolitik die republikanischen Kandidaten. Die kräftigen gesamtwirtschaftlichen Wachstumszahlen reichen offenbar nicht aus, um diese Sorgen zu verdrängen. Für die politische Stimmung ist entscheidend, ob sich wirtschaftlicher Erfolg auch im Alltag der Haushalte bemerkbar macht.
Ein Verlust der republikanischen Mehrheit in einer oder beiden Kongresskammern würde den Handlungsspielraum der Administration ab 2027 verändern. Neue Steuer- und Ausgabengesetze wären stärker auf Kompromisse mit den Demokraten angewiesen. Zudem könnte eine demokratische Mehrheit die parlamentarische Kontrolle durch Anhörungen und Untersuchungen intensivieren. Ein Mehrheitswechsel im Senat hätte zusätzlich Folgen für die Bestätigung wichtiger Regierungsmitglieder und Bundesrichter. Die Midterms entscheiden somit nicht nur über die künftige Gesetzgebung, sondern auch darüber, wie wirksam die Präsidentschaft institutionell kontrolliert wird.
Eine solche Machtverschiebung wäre allerdings nicht mit einer vollständigen Blockade des Präsidenten gleichzusetzen. Gerade in der Handelspolitik bestehen innerhalb der gesetzlichen Grenzen weiterhin erhebliche exekutive Spielräume. Umgekehrt könnten die Demokraten auch mit Mehrheiten in beiden Kammern ihre wirtschaftspolitischen Vorstellungen nicht ohne Weiteres gegen das Vetorecht des Präsidenten durchsetzen.
Für die Finanzmärkte ergibt sich daraus kein eindeutiges Signal: Stärkere institutionelle Kontrolle könnte die Berechenbarkeit erhöhen, eine konfrontative Zusammenarbeit aber auch neue Haushaltskonflikte auslösen. Ein demokratischer Wahlerfolg wäre deshalb nicht automatisch mit einer Entspannung der handels- und geopolitischen Risiken gleichzusetzen.
Fed und EZB pausieren – weitere Zinserhöhungen erwartet
Sowohl die US-Notenbank als auch die Europäische Zentralbank haben ihre Leitzinsen in der vergangenen Woche unverändert gelassen. Das Zielband der Fed liegt weiterhin bei 3.75 bis 4.00 %, der Einlagensatz der EZB bei 2.50 %. Bei der Fed fiel der Entscheid allerdings nicht einstimmig: Zwei der zwölf stimmberechtigten Mitglieder hätten bereits eine Erhöhung um 25 Basispunkte bevorzugt. Die Zinspause bedeutet somit keine Entwarnung hinsichtlich der Inflation.
Die nach dem Fed-Entscheid veröffentlichten Konjunkturdaten unterstreichen die Widerstandsfähigkeit der US-Wirtschaft. Das reale Bruttoinlandsprodukt wuchs im dritten Quartal gegenüber dem Vorquartal um annualisiert 3.4 %. Die private inländische Endnachfrage legte sogar um annualisiert 4.9 % zu. Konsum und Unternehmensinvestitionen bleiben wichtige Wachstumstreiber. Gleichzeitig lag die am Kern-PCE-Preisindex gemessene Teuerung im September mit 3.1 % gegenüber dem Vorjahr weiterhin deutlich über dem Inflationsziel von 2 %.
Oxford Economics weist allerdings auf die ungleichmässige Wirkung der Geldpolitik hin: Während der Wohnungsbau unter den hohen Zinsen leidet, stützen die umfangreichen KI-Investitionen die Gesamtwirtschaft. Sollten diese an Dynamik verlieren, könnte die geldpolitische Bremswirkung deutlicher hervortreten.
Die EZB steht besonders ausgeprägt vor dem Zielkonflikt zwischen Inflationsbekämpfung und Wachstumsrisiken. Die Teuerung im Euroraum stieg im September auf 3.8 %, wesentlich getrieben durch Energiepreise, die um 18.9 % über dem Vorjahresniveau lagen. Die zugrunde liegende Inflation blieb bislang jedoch weitgehend stabil, und die Lohnentwicklung zeigt noch keine ausgeprägte Reaktion auf den Energieschock. Zugleich bremsen höhere Finanzierungskosten und eine restriktivere Kreditvergabe die Nachfrage. Je länger die Energiepreise erhöht bleiben, desto grösser wird allerdings das Risiko, dass der Preisdruck auf weitere Güter, Dienstleistungen und schliesslich auch auf die Löhne übergreift.
Zusätzliche Aufmerksamkeit erhielt die EZB durch Christine Lagardes angekündigten vorzeitigen Rückzug nach der Sitzung im Februar 2027. Sie möchte sich künftig freier zu politischen Fragen äussern können, insbesondere zur Entwicklung in Frankreich.
Oxford Economics rechnet bei Fed und EZB weiterhin mit jeweils zwei zusätzlichen Zinserhöhungen um 25 Basispunkte im Dezember und im März. Auch das gegenwärtige Stimmungsbild an den Zinsmärkten deutet auf weitere Straffung hin. Gemäss den Bloomberg-Markteinpreisungen vom 2. November ist ein Zinsschritt um 25 Basispunkte im Dezember bei der Fed zu rund drei Vierteln und bei der EZB zu knapp 90 % eingepreist.
Anders präsentiert sich die kurzfristige Erwartungslage für die Schweizerische Nationalbank. Ihr nächster Zinsentscheid steht am 10. Dezember an. Hier ist ein entsprechender Zinsschritt derzeit nur zu rund 10 % eingepreist; das vorherrschende Szenario ist damit ein unveränderter Leitzins von 0 %. Für 2027 zeigen die Marktpreise allerdings auch in der Schweiz in Richtung höherer Zinsen.
Diese «Einpreisungen» an den Zinsmärkten sind ausdrücklich als momentanes Stimmungsbild und nicht als verlässliche Prognose künftiger Leitzinsen zu verstehen. Sie verändern sich mit neuen Konjunkturdaten, Energiepreisen und politischen Entwicklungen rasch. Weder die Marktpreise noch die Prognosen einzelner Ökonomen ergeben einen feststehenden Fahrplan für die Notenbanken.
Heutige Marktentwicklung (2. November 2026, 10:45, Basel Zeit)
Die europäischen Aktienmärkte zeigen am Montagvormittag ein uneinheitliches Bild. Der Schweizer Aktienindex SMI notiert rund 0.4 % tiefer, während der deutsche DAX um rund 0.2 % zulegt. Für den US-Aktienmarkt zeichnen die Terminmärkte ein freundlicheres Bild: Die Futures auf den S&P 500 liegen rund 0.5 % im Plus und deuten damit auf einen positiven Handelsauftakt hin.
Dr. Sandro Merino, Chief Investment Officer
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