Die Waffenruhe im Persischen Golf bleibt brüchig. Die Gefechte nahe der Strasse von Hormus zeigen, dass der Konflikt nicht geordnet beendet ist. Washington hält dennoch an der Waffenruhe fest und setzt auf eine politische Lösung. Unser Basisszenario bleibt intakt: eine Einigung ist möglich, dürfte aber Zeit brauchen. Für Anlegerinnen und Anleger gilt deshalb: Ruhe bewahren, Risiken aktiv steuern und strategisch diszipliniert bleiben.
Aufreibendes Ringen um eine Lösung
Die Waffenruhe im Persischen Golf hält formal, steht de facto aber unter Druck. Die jüngsten Gefechte nahe der Strasse von Hormus zeigen, dass der Konflikt nicht geordnet beendet ist, sondern in eine Phase nervöser Zwischenfälle, militärischer Drohungen und diplomatischer Bemühungen eingetreten ist. Gleichzeitig betont Washington, die Waffenruhe gelte weiterhin. Im Zentrum steht nun der amerikanische Vorschlag für eine politische Lösung. Das von Washington vorgelegte Memorandum sieht offenbar eine schrittweise Wiederöffnung von Hormus, eine Lockerung der Hafenblockade und mögliche Sanktionsentlastungen vor. Im Gegenzug müsste Iran Zugeständnisse bei seinem Nuklearprogramm machen, insbesondere bei der Urananreicherung. Aus US-Sicht sind die gemachten Vorschläge des Irans derzeit aber völlig ungenügend. Dennoch dürfte das Ringen um eine Verhandlungslösung damit nicht beendet sein, obwohl derzeit neue Eskalationsdrohungen seitens der USA und Israels wieder die Schlagzeilen beherrschen.
Unser Basisszenario einer verhandelten Lösung bleibt damit intakt. Es ist jedoch eher ein zähes Ringen um einen gesichtswahrenden Ausweg als ein rascher diplomatischer Durchbruch. Entscheidend ist nicht nur, wie viele militärische Fähigkeiten Iran noch besitzt, sondern wie lange das Regime ökonomischen, logistischen und gesellschaftlichen Druck aushalten kann. Umgekehrt wächst auch in den USA der Druck. Die Benzinpreise sind seit Ausbruch des Krieges um mehr als 30% gestiegen und liegen landesweit nahe bei 4.50 USD pro Gallone. Entsprechend hat sich die Konsumentenstimmung deutlich verschlechtert, und die Zustimmung zu Präsident Trump steht unter Druck. Hinzu kommt, dass die Kongresswahlen im November für die Republikaner schwieriger geworden sind. Prognosemärkte sehen die Kontrolle des Senats inzwischen nicht mehr als sicher republikanisch, sondern als offen. Ein demokratischer Wahlsieg in beiden Kammern würde die politische Handlungsfähig-keit des Weissen Hauses deutlich einschränken.
Konjunktur und Geldpolitik im Energieschock
Der Iran-Krieg zwingt zu tieferen globalen Wachstums-erwartungen. Er rechtfertigt aber nicht automatisch den Übergang zu einem globalen Rezessionsszenario. Auf Basis der Analysen von Oxford Economics erscheint uns eine spürbare Wachstumsdämpfung derzeit als angemessenes Basisszenario. Die globale Wachstumsprognose für 2026 wurde seit Februar um 0.6 Prozentpunkte auf 2.4 % gesenkt. Eine globale Rezession würde vor allem dann wahrscheinlicher, wenn Hormus länger fak-tisch geschlossen bliebe, Ölpreise mehrere Monate deutlich über 150 USD pro Fass lägen und Engpässe bei Diesel, Kerosin und Schiffstreibstoff entstünden.
Die USA bleiben widerstandsfähiger als Europa. Der Konsum wird zwar durch höhere Energiepreise belastet, profitiert aber weiterhin von soliden Vermögenspositionen, stabilen US-Arbeitsmarktdaten und der Stärke der Aktienmärkte. Zudem bleiben Investitionen in KI-Infrastruktur ein wichtiger Stabilisator.
Für die Eurozone ist die Ausgangslage schwieriger. Das Wachstum ist schwächer, die Energieabhängigkeit höher, und die Industrie reagiert empfindlicher auf Gas-, Strom- und Transportkosten. Gleichzeitig kann die EZB den Inflationsanstieg nicht ignorieren, falls Energiepreise auf Erwartungen und Löhne durchschlagen.
Die in den USA zu Jahresbeginn erwarteten Zinssenkungen sind unwahrscheinlich geworden. Die Fed dürfte vorerst abwarten: Die Inflation liegt weiterhin über dem Ziel und die Konjunktur sendet bislang keine Rezessionssignale. Zinserhöhungen in den USA sind in den nächsten Monaten aber ebenfalls nicht unser Basisszenario.
Für die Schweiz bleibt die geldpolitische Lage vergleichsweise günstig. Die Inflation ist niedrig, der Franken wirkt als Puffer gegen importierte Teuerung, und die SNB hat den Leitzins zuletzt bei 0% belassen. Solange sich der Energiepreisschock nicht deutlich verschärft und der Franken stark bleibt, dürfte auch die SNB den Leitzins vorerst unverändert lassen.
Anlagestrategie: Taktisch aktiv, strategisch ruhig
Die Finanzmärkte haben den Iran-Krieg bislang erstaunlich gut absorbiert. Trotz Ölpreisschocks, militärischer Zwischenfälle und erhöhter Unsicherheit sind die grossen Aktienmärkte nicht in Panik gefallen. Im Gegenteil: Der breite US-Aktienindex S&P 500 erreichte am 7. Mai ein neues Allzeithoch. Auch der Schweizer SPI-Aktienindex liegt nur noch rund 3 % unter seinem Allzeithoch, das kurz vor Ausbruch des Iran-Krieges im Februar erreicht wurde. Diese Entwicklung ist bemerkenswert, sollte aber nicht mit Entwarnung verwechselt werden. Wir empfehlen weiterhin das, was sich seit Ausbruch des Krieges bewährt hat: strategische Disziplin mit taktischer Optimierung statt hektischer Portfolioanpassungen.
Heutige Marktentwicklung (Stand ca. 11:00 Uhr, 11. Mai, 2026, Basel Zeit)
Der Schweizer Aktienmarkt (SMI-Index) ist gegenwärtig mit -0.2 % wenig verändert. Auch der deutsche Aktienindex (DAX) notiert gegenwärtig wenig verändert bei -0.2 %.
Für den US-Aktienmarkt zeichnet sich heute ebenfalls eine wenig veränderte Eröffnung ab. Der Goldpreis liegt aktuell bei rund 116 790 CHF pro kg und damit immer noch etwa 10 % unter den Rekordwerten von Mitte März Der Der Preis für Rohöl steigt heute aufgrund der Ablehnung des iranischen Angebots moderat um rund 2.5 %.
USA: Wachstum des BIP im langfristigen Mittel
In den USA haben die Preise für Energie deutlich zugelegt. Selbst Störungen in regional sehr begrenzten Teilen der Welt wie aktuell der Strasse von Hormus wirken sich oftmals global aus und ziehen aktuell – auch in an Öl und Gas reichen Ländern – energiepreisgetriebene Preissteigerungen nach sich. Der Irankrieg zeigt damit einmal mehr, dass einzelne Länder und Regionen nicht isoliert betrachtet werden dürfen. In der Folge ist auch die Stimmung unter den US-Konsumenten weiter unter Druck geraten. Dies gilt insbesondere für das von der University of Michigan erhobene Konsumentenvertrauen. Es bewegt sich auf dem tiefsten Niveau seit Beginn der Datenerhebung (Abb. 1). Dass sich der Index des Conference Board besser gehalten hat, liegt an der unterschiedlichen Konzeption der Indikatoren. Der Trend zeigt aber auch bei diesem nach unten. Die Unternehmen in der Industrie scheinen sich diesem negativen Trend dagegen bislang zu entziehen. Der entsprechende Einkaufsmanagerindex (ISM) wird unverändert mit 52.7 Punkten angegeben und liegt damit den vierten Monat in Folge im expansiven Bereich. Die verfügbaren Prognosen (Median) signalisieren für die USA trotz der vorhandenen Unwägbarkeiten denn auch einen durchschnittlichen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts für 2026 von 2,2 %.
Abb.1: USA - Konsumentenstimmung
Eurozone: Dienstleistungsbereich unter Druck
In der Eurozone lastet der Irankrieg zunehmend auf der Stimmung von Unternehmen. Dies zeigt ein Blick auf die entsprechenden Indikatoren (Abb. 2). Auffallend ist der deutlichere Rückgang im Bereich der Dienstleistungen. Die eingetrübten Aussichten korrespondieren dabei mit der Entwicklung des Konsumentenvertrauens. Dieses ist auf den tiefsten Stand seit mehr als drei Jahren gesunken. Diese Entwicklung spiegelt jedoch nicht die Lage auf dem Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosenquote in der Eurozone liegt mit 6,2 % weiter nahe dem historischen Tief.
Abb.2: Eurozone - Stimmungsindikatoren
Schweiz: Einkaufsmanagerindizes expansiv
Trotz der aktuellen Risiken infolge der weltweit hohen Preise für Öl und Gas bewegen sich sowohl der Schweizer Einkaufsmanagerindex für die Industrie (54.5 Punkte) wie auch jener für den Dienstleistungsbereich (54.8 Punkte) im expansiven Bereich. Beide signalisieren für die kommenden Monate eine positive Entwicklung der Konjunktur. Zur Vorsicht mahnt dagegen das KOF-Konjunkturbarometer. Es hat sich zwar leicht von seinem Einbruch im März erholt, liegt aber weiterhin unter seinem langfristigen Durchschnitt (Abb. 3). Gemäss KOF deutet dies auf eine eher verhaltene Entwicklung der Wirtschaft hin.
Abb. 1: Schweiz - KOF-Konjunkturbarometer
Geldpolitik bleibt im Zeichen erhöhter Unsicherheit
Die US-Notenbank (Fed) hält an ihrem aktuellen geldpolitischen Kurs fest. Anhaltende Inflationssorgen sowie die Folgen der Energiekrise belasten weiterhin die US-Wirtschaft. So ist die Inflation zuletzt wieder angestiegen und liegt über dem längerfristigen Zielwert der Fed von 2 %. Gleichzeitig bleiben die wirtschaftlichen Aussichten laut Fed-Chef Jerome Powell mit erheblichen Risiken behaftet. Der Konflikt im Nahen Osten hat diese zusätzlich verstärkt. Sowohl das Ausmass als auch die Dauer möglicher wirtschaftlicher Folgen sind derzeit schwer abschätzbar – ebenso der weitere Verlauf des Konflikts selbst.
Auch die Europäische Zentralbank (EZB) belässt die Leitzinsen unverändert. Laut EZB-Präsidentin Christine Lagarde haben sich sowohl die Aufwärtsrisiken für die Inflation als auch die Abwärtsrisiken für das Wirtschaftswachstum erhöht. Verantwortlich dafür sind unter anderem die im Zuge des Nahostkonflikts deutlich gestiegenen Energiepreise. Diese erhöhen den Inflationsdruck und belasten gleichzeitig die Konjunktur. Die Inflation in der Eurozone ist im April wieder auf 3 % angestiegen und erreichte damit den höchsten Stand seit Herbst 2023 (Abb. 1).
Abb. 1: Inflation in der Eurozone in %
Ausblick
Geopolitische Risiken und steigende Energiepreise haben im April die Inflationsdynamik erneut beeinflusst und damit auch die Zinsmärkte bewegt. Die Renditen 10-jähriger Staatsanleihen sind beidseits des Atlantiks geringfügig gestiegen. In den USA erhöhte sich die Rendite von 4,32 % auf 4,37 %, in Deutschland von
3,00 % auf 3,03 % und in der Schweiz von 0,31 % auf 0,36 %.
Dies deutet darauf hin, dass die Märkte weiterhin von einer abwartenden Haltung der Zentralbanken ausgehen. Gleichzeitig dürfte die zunehmende Datenabhängigkeit der Notenbanken zu volatileren Zinserwartungen führen, da der zukünftige Zinspfad laufend neu beurteilt wird. Entsprechend bleiben eine aktive Steuerung der Duration sowie eine breite Diversifikation im Portfolio zentral.
Da die Renditen 10-jähriger Schweizer Obligationen im historischen Vergleich weiterhin unattraktiv bleiben, halten wir an unserer Untergewichtung von CHF-Obligationen fest.
Schweizer Immobilienmarkt
Auf die Korrektur im März folgte die Rallye. Der April zeigte sich am Immobilienmarkt so wechselhaft wie das ihm zugeschriebene Wetter. Bis zur Monatsmitte legten Immobilienfonds rund 7 % zu, was bei vielen Produkten mehr als eine gute Jahresperformance bedeutete. Damit waren die Rückgänge im März mehr als ausgeglichen. Dann setzten in der letzten Woche Gewinnmitnahmen ein. Letztlich schlossen die Fonds den Monat mit einem Zuwachs von 3,8 % ab. Damit liegen sie auf Jahresfrist noch knapp im Minus. Immobilienaktien zeigten ein ähnliches Kursverhalten, allerdings weitaus gedämpfter. Sie konnten 0,6 % zulegen und liegen seit Jahresanfang 10,4 % im Plus.
Nachdem schon im Jahr 2025 rege Kapital für Immobilienprodukte eingesammelt wurde, setzt sich dieser Trend auch im Jahr 2026 fort. Für die nächsten Monate wurden bislang 20 Kapitalmassnahmen angekündigt, meist Kapitalerhöhungen, aber auch neue Kotierungen. Fundamental bleibt die Nachfrage nach Wohnraum stabil. Zu beobachten sind steigende Substanzwerte, stabile oder steigende Mieten und tiefe Leerstände.
Durch die Kursschwankungen sanken die Ausschüttungsrenditen der Fonds auf durchschnittliche 2,3 %. Im Vergleich: Zehnjährige Eidgenossen rentieren knapp 0,4 %. Zudem stiegen die Aufgelder auf durchschnittlich 34 %, mit einer Bandbreite von 60 % bis –8 % unter den einzelnen Fonds des SWIIT Index. Wir sind aktuell bei den indirekten Immobilienanlagen leicht übergewichtet.
Aktienmärkte ignorieren Geopolitik im April
Trotz weiterhin hoher Energiepreise und des Ausbleibens einer Lösung im Irankonflikt traten im April die geopolitischen Sorgen an den Aktienmärkten in den Hintergrund. Das Thema der künstlichen Intelligenz nahm nach der vorherigen Konsolidierung beflügelt durch gute Geschäftszahlen wieder an Fahrt auf. Insbesondere Hersteller von Ausrüstung wie Chips und Infrastruktur für Rechenzentren waren gefragt. Getragen von einschlägigen Unternehmen wie Taiwan Semiconductor Manufacturing oder Samsung Electronics, die im April über 20 % bzw. über 30 % zulegten und mittlerweile einen Rang unter den Top-12-Unternehmen im MSCI AC World Index haben, überragten Schwellenländeraktien ihre Pendants in den Industrieländern (Abb. 1).
Abb. 1: Regionen – Performanceverlauf im April 2026, Net Total Return Index in CHF, 31.03.2026=100
Auch in den USA waren Technologietitel sehr gefragt, und in der Eurozone setzten sich dank Nokia und ASML Finnland und die Niederlande an die Spitze. Am Schweizer Aktienmarkt waren mit ABB und VAT zwei Kapitalgüterhersteller die Top-Performer. Per Anfang Mai hatten in den USA über 60 % der Unternehmen aus dem S&P-500-Index ihre Geschäftszahlen für Q1/2026 veröffentlicht. Von diesen übertrafen über 80 % die Gewinnerwartungen und erzielten insgesamt einen Gewinnanstieg von bis dato mehr als 27 % gegenüber dem Vorjahresquartal. Mit über 50 % besonders gut waren die Gewinnsteigerungen in den Bereichen Kommunikationsdienstleister und Informationstechnologie. Dementsprechend konnten beide Sektoren im April den globalen Aktienmarkt übertreffen (Abb. 2).
Abb. 2: Globale Sektoren – relative Performance zum Gesamtmarkt im April 2026 (Absolute Performance MSCI World in CHF: +7,0 %)
Anlagestrategie
Aufgrund der relativen Performance unterschiedlicher Anlagekategorien ist unsere Übergewichtung bei Aktien per Ende April auf 4 % angestiegen. Die anhaltend positive Gewinndynamik gibt den Aktienmärkten Auftrieb. Wachsamkeit bleibt dagegen angesichts von Bewertungen, der Inflations- und Zinsthematik sowie der volatilen Lage am Persischen Golf und den Energiepreisen das Gebot der Stunde.
Rechtliche Informationen
Rechtliche Informationen
Der Investment Letter wurde am 11. Mai 2026 aktualisiert.