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Ursula Moser (62): «Wir erreichen wöchentlich rund 500 armutsbetroffene Menschen.»

Wer den Hauptbahnhof Basel in Richtung Gundeli verlässt, steht auf der Güterstrasse und sieht direkt ins Schaufenster des BackwarenOutlets: auf den ersten Blick ein freundliches Take-away-Café mit Backwaren und Früchten für eine schnelle Verpflegung. Auf den zweiten Blick ist erkennbar, dass hier ein grosses Sozialwerk zu Hause ist. Dieses leistet einen wesentlichen Beitrag gegen Foodwaste und ist in der Pandemie zu einem Auffangnetz geworden für jene Menschen, die von der Krise am härtesten betroffen sind. Gastroseelsorger Bernhard Jungen traf sich noch im Lockdown mit dem Gründerpaar Berto Beat Dünki (67), Ursula Moser (62) und vier Freiwilligen: Sophie de Stefani, Rebecca Stucki, Valentin Erb, Jonas Mall. 

Am 25.06.2021 in Von Basel. Für Basel. von Bernhard Jungen

Was ist das BackwarenOutlet? 

Berto: Ursula Moser und ich gründeten das BackwarenOutlet im November 2015 als Kombination aus Detailhandels­geschäft und Café. Es leistet einen wesentlichen Beitrag gegen Foodwaste und ermöglicht acht Lohnarbeitsplätze für Menschen, die anderswo auf dem Arbeitsmarkt weniger Chancen haben. Der Verkauf der Überproduktion stammt vorwiegend von Bäckereien aus dem Grossraum Basel-Stadt. Jeden Abend werden im Rahmen des sogenannten RübisStübis die nicht verkauften Produkte gratis an armutsbetroffene Menschen abgegeben. Rund 20 Frei­willige, zu denen auch Ursula und ich gehören, tragen dieses Projekt.

Wie kommt ihr als Freiwillige in das BackwarenOutlet? 

Valentin: Als easyJet-Pilot spürte ich den Rückgang der Flüge schon anfangs März 2020. Mit dem Lockdown blieben alle Maschinen am Boden. Ich war froh, hier eine sinnvolle Beschäftigung zu finden.

Rebecca: Als Flugbegleiterin war es für mich ähnlich. Ich fand über benevoljobs.ch zu dieser Tätigkeit.

Sophie: Im Online-Studium (Politikwissenschaften und Geschichte) fiel mir bald die Decke auf den Kopf. Als theoretisch begabter Mensch wollte ich die Chance nutzen, etwas Praktisches zu tun.

Jonas: Weil nach der Matura meine Reisepläne ins Wasser fielen, befand ich mich bald in einem persönlichen Tief. Weil meine Grosseltern im Bruderholz wohnen, kannte auch ich das Backwaren­Outlet bereits.


Ich lerne hier, dass Wohlstand nicht automatisch Zufriedenheit bringt. Denn geben macht glücklicher als nehmen.
Jonas Mall, BackwarenOutlet

Sind diese vier jungen Menschen typische Mitarbeitende im BackwarenOutlet? 

Ursula: In dieser Corona-Zeit, ja! Grundsätzlich kommen Frauen und Männer jeder Altersgruppe, die eine sinnvolle Tätigkeit und Anschluss suchen oder aber Leute, die längerfristig auf dem Arbeitsmarkt Schwierigkeiten haben. Bei den Letzteren ist oft eine Anstellung möglich.

Berto: Diese vier stabilen Menschen vermitteln durch ihre Präsenz Sicherheit und tragen zum reibungslosen Ablauf bei – wie gutes Öl im Getriebe unseres stürmischen Alltags.

Corona hat doch anderswo das Leben beruhigt. Was meinst du mit «stürmisch»? 

Ursula: Wir standen anfangs 2020 vor grossen Herausforderungen. Die Liegenschaft an der Güterstrasse 120 sollte verkauft werden. Hätte sich kein Käufer gefunden, der das BackwarenOutlet behalten wollte, hätte das unser Aus bedeutet. Eine weitere Ungewissheit: Das BackwarenOutlet ist mit dem Neutralen Quartierverein Gundeldingen eine Kooperation namens GundeliTreff eingegangen, die zu grösseren räumlichen Veränderungen führen könnte.

Ist der GundeliTreff als Filiale oder als neuer Standortgedacht?  

Berto: Wenn wir die Wahl haben, als Filiale. Wir möchten wachsen, denn der Produkteüberschuss im Lebensmittelsektor ist enorm. Wir haben genug Mitarbeitende, welche mit unseren Cargo-Bikes und fünf Autos die Überproduktionen abholen. Es wird zunehmend zur Herausforderung, genügend Absatzmöglichkeiten zu finden, obschon sich die Anzahl armutsbetroffener Menschen im Take-away oder im Rübis­Stübis enorm erhöht hat. Mit Beginn des Lockdowns entdeckten wir fast täglich ein neues Gesicht.

Wie entwickelte sich das RübisStübis?

Ursula: Seit dem 17. März 2020 lösten sich viele Arbeitsplätze im Gundeli auf oder die Arbeit wird im Homeoffice verrichtet. Unser Umsatz beim Take-away war von einem auf den anderen Tag um beinahe 60 Prozent eingebrochen. Es tauchten Kunden auf, die sich sogar unsere niedrigen Preise nicht mehr leisten konnten. Entsprechend wuchs das RübisStübis, wo wir alles verschenken.

Berto: Mit den geforderten Mindest­abständen von zwei Metern konnten wir das RübisStübis unmöglich wie gewohnt im Ladenlokal durchführen. Also ver­legten wir es in ein geschütztes Seiten­gässchen.


Manche Menschen sind schon eine Stunde vor Öffnung da. Diesen Leuten fehlt es nicht nur an Nahrung, sondern ihnen ist auch die Tagesstruktur zusammengebrochen.
Berto Beat Dünki, BackwarenOutlet

Wie läuft das RübisStübis ab? 

Berto: Manche Menschen sind schon eine Stunde vor Öffnung da. Diesen Leuten fehlt es nicht nur an Nahrung, sondern ihnen ist auch die Tagesstruktur zusammengebrochen. Sie verlieren ihre sozialen Kontakte. Mit der Aufhebung des Bettelverbotes hat sich der Konkurrenzkampf unter den Armutsbetroffenen verschlimmert. Es ist uns wichtig, dass die Verteilung gerecht und würdevoll abläuft.

Ist die Essensverteilung wie die grosse «Schlacht am kalten Buffet»? 

Rebecca: Im Gegenteil! Ich erlebe immer wieder, dass die Menschen sehr respektvoll miteinander umgehen. Sie lassen einander gerne den Vortritt zum besten Stück Brot.

Berto: Es ist kein Selbstbedienungsladen. Ich preise marktschreierisch ein Produkt nach dem andern an. Interessenten erheben die Hand. Möchten mehrere dasselbe Stück, muss jemand zurück­stehen. Meine Aufgabe ist es, die Schüchternen zu ermutigen und die etwas Vorwitzigen zu bremsen.

Ursula: Manche Leute kommen ein- bis zweimal pro Woche. Wir erreichen wöchentlich mit diesem Angebot rund 500 armutsbetroffene Menschen! Manche kommen mit ihrem «Wägeli» und wir wissen, dass sie noch Angehörige oder weniger mobile Freunde versorgen.


Was nehmt ihr als Freiwillige von eurer Arbeit im RübisStübis mit?

Valentin: Diese Begegnungen haben für mich eine Message: Das könnte auch ich sein! Jeder kann in eine solche Lage geraten. Sie sind nicht schuld an ihrer Situation.

Jonas: Die positive Ausstrahlung ist ansteckend. Ich lerne hier, dass Wohlstand nicht automatisch Zufriedenheit bringt. Denn geben macht glücklicher als nehmen.

Was hat Corona bei euren festangestellten Mitarbeitenden ausgelöst? 

Ursula: Einige unserer Mitarbeitenden, die zur Risikogruppe gehören, hatten wirklich Angst. Jemand hat gar eine Phobie entwickelt.

Berto: Im Vordergrund standen aber die Existenzängste. Wir haben allen klar gemacht, dass niemand die Stelle verlieren wird. Wir versprachen, dass wir Lösungen suchen und notfalls privat für Verluste aufkommen würden, damit alle hierbleiben können. So konnten wir ihnen die Angst nehmen. Wir erhielten zudem grosszügige Spenden von Organisationen, mit denen eine längere Beziehung besteht, wie zum Beispiel einer Kirchgemeinde der Region. Wir sehen darin den Auftrag, weiterzumachen.


Bernhard Jungen

Gastroseelsorger & Pfarrer

Bernhard Jungen (64) ist Gastroseelsorger. Seit Jahren ist er als «Seelsorger der Seelsorgenden» unterwegs zu den Menschen, die im Gastgewerbe arbeiten. Hauptberuflich ist er Barkeeper-Pfarrer der Unfassbar, einem Bier-Mobil auf drei Rädern, das während der Krise auch vom Lockdown betroffen ist. Der Autor des Interviews arbeitete während der Pandemie an seinem Buch «Unfassbar – Wie die Basler Gastronomie der Krise trotzt» - einer Sammlung von 25 Interviews mit Basler Gastronomen über ihre Situation in Zeiten der Pandemie.

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