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Wie Covid-19 den Gesundheitssektor überraschte

Mit Ausbruch der Corona-Krise rückte der Gesundheitssektor augenblicklich in den Fokus der Anleger. Dieser zeigte sich gegenüber der Pandemie völlig unvorbereitet. Trotz mahnender Stimmen wie derjenigen der Weltgesundheitsorganisation WHO. Sie warnte seit Jahren vor verheerenden Folgen für die Weltwirtschaft und monierte vergeblich, dass weder Staaten noch Pharmaindustrie auf eine Pandemie vorbereitet seien. Wir gehen den Gründen nach.
Am 16.08.2020 in N° 2/2020 von Elmar Sieber, Finanzanalyst

Sowohl die Staaten als auch die globalen Pharmafirmen waren sich des Pandemie-Risikos seit Jahren bewusst. Doch gehandelt wurde nur halbherzig. So gab es auch in der Schweiz einen staatlichen Pandemie-Plan. Der Bund, aber auch die privaten Haushalte hätten neben Nahrungsmitteln auch Hygienemasken und Desinfektionsmittel auf Lager halten sollen. Doch mit der Umsetzung haperte es. Nicht nur hierzulande.

Anders in der Pharmaindustrie, sie war aus anderen Gründen nicht vorbereitet. Für sie sind Infektionskrankheiten in der Agenda weit nach hinten gerutscht. Sie waren schlicht zu wenig rentabel. Denn viele Infektionskrankheiten waren (grösstenteils) besiegt – z.B. Masern, Mumps und Röteln – oder sind relativ einfach zu bekämpfen, wie beispielsweise die saisonale Grippe. Entsprechend sind die Gewinnaussichten für Unternehmen nicht attraktiv. Auch aus diesem Grund gibt es weltweit nur noch wenige bedeutende Hersteller von Impfstoffen. Die Pandemie spielt somit ein Malaise an die Oberfläche: die Vernachlässigung der Infektionskrankheiten durch die industrielle Forschung.

Wie «uninteressant» das Geschäft mit Infektionskrankheiten ist, zeigt der Marktforscher Evaluate Pharma. Dieser bezifferte das Volumen für Deals im Gebiet der Infektionskrankheiten für das vergangene Jahr auf USD 280 Mio., während für das Therapiegebiet Krebs die Investitionen USD 31,4 Mia. erreichten.

Dies hat sich nun dramatisch geändert, wurden doch – meist von Staaten – weltweit mehrere Milliarden US-Dollar für die Forschung und Entwicklung eines Impfstoffes gegen das neuartige Coronavirus gesprochen. Entsprechend zahlreich sind die Unternehmen, die in diesem Geschäft mitmischen wollen. Ob sie Erfolg haben werden und ob sich der Erfolg finanziell auszahlt, ist noch ungewiss. Bestrebungen, einen zukünftigen Impfstoff möglichst kostengünstig der gesamten Weltbevölkerung zur Verfügung zu stellen, grenzen das Gewinnpotenzial ein.

 

Kaum Zeit zu reagieren. Die Fallzahlen stiegen täglich und die Arztpraxen blieben trotzdem fast leer. Angst vor dem Unbekannten, vor der Ansteckung und was danach passiert.

Pflege – viel Applaus, wenig Geld

In der Pandemie galt eine weitere Sorge auch dem Pflegepersonal – und zwar weltweit. Bekannt sind Videos, die zeigen, wie verzweifelt das Pflegepersonal in Ländern wie China oder Italien gegen die Pandemie kämpft. Weniger bekannt – weil auch entsprechend weniger sichtbar – sind die Zustände beim Pflegepersonal in der übrigen Welt. Auch hier in Europa (inkl. der Schweiz) musste das Personal in den Krankenhäusern Enormes leisten und war oft der Gefahr einer Ansteckung ausgesetzt, mangelt es doch an vielen Orten an medizinischem Material. Für diesen Einsatz erhielt das Personal meist nur gemeinschaftlichen Applaus – nur in seltenen Fällen wurde ein kleiner Bonus in Aussicht gestellt. Zur Veranschaulichung: In Deutschland verdient eine Krankenschwester pro Monat ab EUR 2000 (bei privaten Einrichtungen) bzw. ab EUR 3000 (bei staatlichen Einrichtungen). Grund dafür ist ein auf Effizienz getrimmtes Gesundheitssystem, das wenig Spielraum für aussergewöhnliche Situationen lässt. Dies ist auch der Grund, weshalb Privatspitäler nun «Schadensersatz» fordern, weil sie während der Pandemie Plätze für allfällige Risikopatienten freihalten mussten. Die nun abflachende Infektionsrate und das allmähliche Verschwinden von Covid-19 aus den Medien führen bereits dazu, dass erneut eine Steigerung der Effizienz bzw. der Abbau von «Überkapazitäten» im Spitalbereich gefordert wird.

Organisierter Applaus für die übermenschlich geleistete Arbeit. Das Pflegepersonal kam in einigen Ländern an seine Grenzen. Psychisch und physisch. In nur wenigen Ländern wurde die Kapazität des Gesundheitssystems nicht überlastet.

Ohne den Staat geht es wohl nicht

Es scheint, dass die Pandemie nur kurzfristig etwas in der Wahrnehmung des Gesundheitswesens ändert. Sobald die Gefahr von Covid-19 gebannt ist, wird wieder – wenn auch langsam – zur «alten Normalität» zurückgekehrt. Es steht zu befürchten, dass die Pandemie-Pläne wieder in Vergessenheit geraten. Schliesslich hat man ja diese Pandemie besiegt. Ob Infektionskrankheiten wieder nachhaltig in den Fokus grosser Pharmaunternehmen geraten, bleibt ebenfalls abzuwarten. Ohne finanzielle Anreize und flankierende staatliche Massnahmen dürfte es kaum gelingen, privatwirtschaftlich für einen deutlichen Anstieg bei Forschung und Entwicklung in diesem Bereich zu sorgen.

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Elmar Sieber, Finanzanalyst

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