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Mut in der Beziehung

Mut in der Beziehung
Paarbeziehungen aller Art bilden nach wie vor die Basis des Zusammenlebens – und eine Herausforderung. Gemäss einer Studie der Forschungsstelle sotomo aus dem Jahre 2018 ist die Beziehung das Lebensthema, bei dem sich Schweizerinnen und Schweizer mehr Mut wünschen. Aber was heisst das? Und wie bleibt man als Paar mutig?
Am 04.03.2020 in N°1: Mut
Mehr Auseinandersetzung in einer Beziehung wäre gut
Der Psychiater und Psychotherapeut Heiner Meng erklärt, welche Art von Mut Paaren gut tut, und was «kontrollierte Krisen» bringen.

Heiner Meng, wenn Sie es als Psychiater mit Beziehungen zu tun bekommen, ist es dann in der Regel schon zu spät?

Wenn es zu spät ist, gehen die Betroffenen zum Anwalt. Wenn sie zu mir kommen, ist es oft der richtige Zeitpunkt. Dann haben die Leute angefangen, Fragen zu stellen. Jemandem, der keine Fragen hat, kann man keine Antworten geben.

Gemäss einer Umfrage der Forschungsstelle sotomo ist die Beziehung das Gebiet, bei dem die meisten Menschen gern mutiger wären. Überrascht Sie der Befund?

Nein, das ist erfreulich! Mut ist in Beziehungen ein wichtiger Faktor. Wenn es den Beteiligten bewusst wird, dass sie etwas wagen sollten, kann das ein Schritt in die richtige Richtung sein.

Scheitern Beziehungen tatsächlich an fehlendem Mut?

Ja, natürlich. Psychoanalytisch gesehen ist eine klassische Schwelle, die Mut braucht, beispielsweise der Moment, in dem ein junger Mann auf eine junge Frau zugehen will: Lässt er sich auf die potenzielle Partnerin wirklich ein, muss er die sichere Beziehung zu seiner Mutter aufgeben und sich auf etwas Unsicheres, Fremdes, Neues einlassen. Wenn dieser Mut fehlt, wird die Luft für eine Beziehung dünn.

Was braucht im Beziehungsalltag Mut?

In der Krise zum Beispiel der Gedanke, dass eine Trennung zumindest eine Möglichkeit darstellt. Wenn die bewusste oder unbewusste Idee vorherrscht, dass eine Trennung unmöglich ist, kann das eine Entwicklung blockieren. Der Gedanke aber, sich auch verlassen zu können, kann beflügeln und Kraft geben, um zusammen weiterzugehen.
Etwas auszusprechen im Wissen, eine Krise zu riskieren, braucht Mut; etwas zu verschweigen, braucht Weisheit.

Und was braucht mehr Mut: Dinge auszusprechen oder einfach auch einmal nichts zu sagen?

Die Frage ist eher, was konstruktiver ist. Etwas auszusprechen im Wissen, eine Krise zu riskieren, braucht Mut; etwas zu verschweigen, braucht Weisheit. Ich bin ein Freund kontrollierter Krisen. Deren Energie trägt zur Klärung bei. Paare gleiten leicht in einen Modus, in dem Krisen zu unnötigen Verletzungen führen. Das führt nicht weiter.

Jetzt sind wir schon beim Thema Therapie: Wer ruft in der Regel den Therapeuten an?

Es klingt vielleicht klischiert, aber mein Eindruck ist, dass es Frauen leichterfällt, auf sich selbst zu hören und Dissonanzen in sich selbst oder um sich herum wahrzunehmen. Männer laufen – unbewusst – Gefahr, sich am Ideal «ein Indianer kennt keinen Schmerz» zu orientieren. Immer wieder geht der Weg in eine Therapie auch über die Kinder, weil ihre Symptome ein Familiensystem zum Arzt bringen können. Und wenn sich ein Paar mit dem Leiden der Kinder zu beschäftigen beginnt, kann es entdecken, dass es sich zuerst mit sich selbst beschäftigen sollte.

Wenn Sie im Laufe einer Paartherapie zum Schluss kommen: Diese beiden wären ohne einander besser dran. Haben Sie den Mut, das auszusprechen?

Diese Option muss man ins Spiel bringen, nur dann können sich alle fair und offen Gedanken machen und abwägen, was besser ist. Ein Paarkonflikt kann jede persönliche Entwicklung blockieren. Im besten Fall kommt man zusammen voran, aber wenn zwei getrennt voneinander die besseren Entwicklungschancen haben, ist es das Ziel, sich achtsam zu trennen.
Im besten Fall kommt man zusammen voran, aber wenn zwei getrennt voneinander die besseren Entwicklungschancen haben, ist es das Ziel, sich achtsam zu trennen.

Die Sexologin Dania Schiftan sagt, Mut sei das wichtigste Element eines erfüllten Sexlebens, was wiederum die Beziehung am Laufen halte. Stimmen Sie zu?

Ich würde die Beziehung nicht darauf reduzieren, das würde bedeuten, ein Problem von der falschen Seite her aufzurollen. Ein für beide befriedigendes Sexualleben ist eher wie der Mörtel in einer Trockenmauer – er gibt Stabilität. Mut nur im Sex einzusetzen, reicht aber nicht. Es ist komplexer. Sich mit zu viel Mut ins Sexleben zu stürzen, kann sogar zu groben Verletzungen führen. Ich habe schon Paare erlebt, die daran zerbrochen sind.

Nach Woody Allen ist die Ehe «der Versuch, zu zweit mit den Problemen fertig zu werden, die man alleine nie gehabt hätte». Ist die Ehe die ultimative Mutprobe für uns Menschen in einer verrückten Welt?

Nein, ich sehe in einer Partnerschaft mehr. Um bei Woody Allen zu bleiben: Alleine werde ich zwar von manchen Problemen verschont, kann aber auch gewisse Entwicklungen nur schwer machen. Die intime Auseinandersetzung mit einem anderen Menschen ist psychologisch etwas Gesundes.

Könnte man im Umkehrschluss sagen, dass hohe Scheidungsraten gar nicht so schlecht sind, weil sich die Leute immerhin miteinander auseinandersetzen?

Da halte ich dagegen! Meines Erachtens sind Scheidungen oft nicht der Weisheit letzter Schluss. Etwas mehr Auseinandersetzung, mehr Stehvermögen in einer Beziehung wären oft gut, um schliesslich die Türe zur Fortsetzung aufzustossen.

Interview: David Schnapp

Mutig ist...

Jedes Paar hat seine eigene Geschichte. Wir haben vier Baslerinnen und Basler über ihre spannenden Beziehungen befragt.

... für die Liebe auswandern.

Claudia, 36. Die Baslerin ist ihrem jetzigen Mann nach Australien gefolgt. «Es ging alles sehr schnell», erinnert sie sich. 2015 hat sie Greg auf einer Reise in Nicaragua kennengelernt, war 6 Wochen später 1 Monat bei ihm in Melbourne, er über Weihnachten in der Schweiz, und 6 Wochen später wanderte sie aus. «Ich kannte ihn kaum, Australien war neu für mich und natürlich hatte ich Zweifel, aber ich hörte einfach auf mein Bauchgefühl.» Kurz darauf heirateten sie. «Ich wollte eigentlich nie heiratenŒ, sagt sie und ergänzt lachend: «Ich war einfach so auf einer Party und dachte: ‹Oh, das ist ja meine Hochzeit!›».

Rückblickend war es für sie schon sehr mutig. Sie hat einen Job geschmissen, ihr sicheres Umfeld verlassen und sich in eine ungewisse Zukunft bewegt. «Probier es einfach aus», bestärkte sie ihr Vater. «Mut? Schlussendlich hatte ich einfach grosses Vertrauen zu Greg gehabt.» Heute lebt sie noch immer glücklich in Australien und hat mit Greg zwei Kinder. Einmal pro Jahr macht sie in Basel Ferien, was ihr sehr wichtig ist.

... unmutig zu sein.

Thomas*, 47. «Schwul sein ist heute zum Glück salonfähig.» Trotzdem möchte er in diesem Magazin anonym bleiben. «Früher, zu Zeiten von Aids, wurde das Thema mehr stigmatisiert. Auch darum kostete das Outing für mich grosse Überwindung – lange fehlte der Mut. So war es ein schleichender Prozess. Mit der Zeit merkte mein Umfeld, dass ich auf Männer stehe. Angesprochen hat mich – ausser meiner Mutter – niemand direkt, vermutlich fehlte es auch da an Mut.»

Seit 14 Jahren hat Thomas einen festen Partner. Speziell an dieser Beziehung ist, dass sich sein Freund bei seiner Familie nicht geoutet hat, was Thomas sehr bedauert. Es sei nicht so, dass die beiden sich verstecken müssten, da sie unterdessen in Zürich wohnen. «Das fehlende Outing behindert unsere Beziehung im Alltag nicht. Es ist, wie es ist, und ich habe mich daran gewöhnt. Aber klar wäre es schön, wenn ich eines Tages seine Familie auch kennenlernen könnte», meint er hoffnungsvoll.

... Tabus zu brechen.

Katja*, 38. Vor acht Jahren kam sie mit Martin* zusammen, beide behielten aber ihre eigenen Wohnungen. Er hatte da schon ein Kind und wollte keine zusätzliche Verantwortung – sprich Nachwuchs – mehr, sie hingegen hegte einen innigen Kinderwunsch. Diese Situation führte zu Konflikten, weshalb sie eine Paartherapie aufsuchten. Sogar die Therapeutin fand, dass die beiden sehr gut zusammenpassten und dass es sich lohne, für eine gemeinsame Zukunft neue Wege zu finden. Mit der Empfehlung einer Frauenärztin entschied sie sich für ein Spenderkind, er unterstützte sie dabei. «Es war für beide sonnenklar, dass wir das so machen, eine Trennung kam nicht infrage. Natürlich hatte ich Schiss vor dem Unbekannten, ein bisschen Schamgefühle. Das Ganze fällt ja hier etwas aus der Norm. Was in der Schweiz tabu und verboten ist, ist in Dänemark völlig normal, das bestärkte mich zusätzlich.» Also flog sie für erste Abklärungen alleine nach Kopenhagen in eine Klinik, in der das Kindeswohl Priorität hat und das Kind den Erzeuger später kennenlernen darf.

Dann ging alles schnell. «Ich bekam Akten von verschiedenen Spendern, einen handgeschriebenen Brief und eine Stimmprobe», welche schlussendlich entscheidend war. «Er war auch ein Plapperi, wie ich», lacht sie. Heute ist Gian* fast 1-jährig. Man spürt es förmlich aus ihr heraus, dass nie Zweifel aufkamen. Im Gegenteil, der Druck fiel weg. «Es war für uns als Paar eher befreiend und ich kann auf Martins Unterstützung zählen, auch  wenn ich Alleinerziehende bin.» Ihre Beziehung sei deutlich lockerer und entspannter geworden. «Das Wohl von Gian ist das Wichtigste.» Martin erfülle die Vaterrolle vermutlich sogar besser, als wenn er der biologische Vater wäre, weil er DARF und nicht MUSS. Ob es Mut brauchte, gegen den Strom der Gesellschaft zu schwimmen? «Nein, das war uns beiden egal, aber klar, für mich selber war es schon ein riskanter Entscheid.»Auch wenn es kritische Stimmen gäbe, reagiere ihr Umfeld durchwegs positiv und bewundere sie, diesen Schritt gewagt zu haben. «Irgendwie finde ich es schlimm, dass wir hier von Mut reden, denn eigentlich sollte das einfach selbstverständlich sein.»

... sich neu zu verlieben.

Mirjam, 47, hat zwei Kinder und war jahrelang mit ihrem Mann Pascal zusammen, bis sie sich 2013 neu verliebte – in eine Frau. Sie trennte sich von ihm und zog mit den Kindern aus. «Viele fanden das extrem mutig, das war es für mich nicht – auch heute empfinde ich nicht so. Es war einfach klar», meint sie. «Natürlich brauchte dieser Schritt viel Überwindung, aber das stelle ich nicht mit Mut gleich. Mut verbinde ich mit etwas Positivem. Doch schliesslich ist eine Familie auseinandergebrochen und das fühlte sich traurig an.»

Ihr war klar, dass sie mit dieser Entscheidung leben wird. Sie wusste nicht, wie Pascal, ihre Kinder und ihr Umfeld darauf reagieren und wie sie selbst mit Schuldgefühlen klarkommen würde. «Viel mutiger finde ich, alle Konsequenzen daraus zu tragen und damit glücklich zu sein.» Das Outing an sich findet Mirjam «kein Ding» und macht daraus auch kein Geheimnis. Mit Pascal pflegt sie eine freundschaftliche Beziehung. «Die Patchworkfamilie ist natürlich eine neue Herausforderung, aber ich bin sehr dankbar, dass er so verständnisvoll und nicht nachtragend ist», sagt sie abschliessend.

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