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Ich, der Bankräuber

Rudolf Szabo wurde mit dem Mut der Verzweiflung zum Bankräuber. Dafür sass er mehrere Jahre in Haft. Dies ist die wahre Geschichte aus dem Leben eines Bankräubers. Aus einer Zeit, als ein Banküberfall noch ein Wagnis mit Waffen, körperlicher Gewalt und ausgefeiltem Fluchtplan war. Im Gegensatz zu heute, wo der Täter mit Cyberattacken oft sein Gesicht bewahrt.
Am 06.03.2020 in N°1: Mut

Rudolf Szabo war 33 und Vater von fünf Kindern, als er zum Bank- und Posträuber wurde. Er war als Geschäftsmann gescheitert, hatte Schulden, seine Frau betrog ihn. «Ich war zutiefst verletzt und gekränkt, trug Wut und Frustration in mir.» Er konnte die Miete nicht mehr bezahlen, selbst die Telefonrechnung blieb offen. Dann wollte die Mutter seiner Kinder noch Alimente in der Höhe von über 6200 Franken. Die wenigen Aufträge, die er mit seiner Baufirma noch ausführen konnte, wurden nicht beglichen. In seiner Not ging Szabo zur Bank und bat um einen zusätzlichen Kredit. «Als da ein Nein kam, nahm ich das persönlich. Ich fühlte mich als Versager und war verzweifelt. Da beschloss ich, es allen heimzuzahlen.»

Als Erstes überfiel er den Liebhaber seiner Frau – einen erfolgreichen Unternehmer – und plünderte dessen Tresor. Weil sich das Opfer beim Übergriffe wehrte, schlug Szabo den Mann heftig zusammen, entlud seine angestaute Wut mit den Fäusten. Skrupel überkamen ihn dabei keine. «Wenn man im Teufelskreis drin ist, kommt man so schnell nicht raus. Ich war überzeugt, dass er das verdient hatte.» Mit drei Komplizen, allesamt Angestellte seiner eigenen Baufirma, plante er siegesgewiss den nächsten Raubzug: auf eine Post- und Bankfiliale in Hittnau. «Ich durchlief eine gute Militärausbildung, kannte die Gegend gut. Auch die Schleich- und Waldwege. Ich plante alles sukzessive, es musste eine ländliche Filiale sein, die nicht zu nah am nächsten Polizeiposten gelegen war.» Mit seinem Team ging er den Ablauf durch. Das oberste Credo: Niemand sollte verletzt werden. Fluchtfahrzeuge wurden im Wald stationiert, damit sie das Auto wechseln konnten. «Nur ich war bewaffnet und bewachte die Mitarbeiter. Ich war der Einzige, der durch die Militärausbildung mit Waffen umgehen konnte.» Die anderen im Team waren jung, zwischen 17 und Anfang 20, noch nicht gefestigt und eiferten ihrem Chef nach.

Der Überfall geschah dann am Feierabend durch den Hintereingang. Rudolf Szabo wusste, dass die Bankangestellten etwa 30 bis 45 Minuten Zeit hatten, das Geld zu zählen, bevor sie es in den Tresor einschlossen und dieser bis am nächsten Morgen verriegelt blieb. Er plante maximal vier Minuten für den Übergriff ein, bis dahin musste die Flucht gelingen. Doch schon beim ersten Überfall tat er etwas, was er bis heute bitter bereut. Er hielt seine Pistole an die Schläfe eines kleinen Mädchens, der Tochter des Filialleiters. Und dies als Vater von fünf Kindern. «Ich trainierte mir an, jegliches Mitgefühl, jegliche Empathie auszulöschen. Ich war kalt, ja, und agierte mit einem Tunnelblick.» Als der Raubzug gelang und die vier rund 100 000 Franken untereinander aufteilen konnten, fühlte sich das an wie ein Sieg. Reue kam keine auf, sagte Szabo. «Im Gegenteil: Wir fühlten uns als Helden, die dem Bankensystem eine Abreibung verpassten.» Weitere Raubzüge folgten, insgesamt waren es sieben, bis die Polizei den Tätern auf die Spur kam. Und vier Monate später die Handschellen «Im Nachhinein muss ich sagen: Zum Glück! In meiner Euphorie und krankhaften Selbstüberschätzung hätte ich weitergemacht, bis es vermutlich eskaliert wäre.»
Wir fühlten uns als Helden, die dem Bankensystem eine Abreibung verpassten.

In Untersuchungshaft merkte Rudolf Szabo, dass sich in seinem Innern etwas tat. Der enorme Druck, der auf ihm lastete, entlud sich. «Als Bankräuber lebte ich in einer Paranoia, litt unter Verfolgungswahn. Egal, wo ich war, überall sah ich Polizisten in Zivil, die mich beschatteten.» Nun hatte sein Doppelleben ein Ende, eines, das viele Opfer mit sich brachte. Da war einmal die grosse Enttäuschung in der Familie. «Weil mein Bruder mir seine Armeewaffen auslieh, wurde er ebenfalls verhaftet. Auch meine Kinder waren dabei, als die Polizisten eine Hausdurchsuchung bei meiner Exfrau machten. Und dabei gingen sie nicht gerade zimperlich vor.» Dann sind da auch die Traumata bei den Opfern. «Im Gefängnis machte ich eine Therapie. Dazu gehörte auch, mich bei den Opfern zu entschuldigen.» Einige waren bereit für eine Aussprache. So erfuhr er auch von einzelnen Schicksalen. Und wie tragisch sich dieses Ereignis auf ihr weiteres Leben «Ich hatte den Opfern zwar keine physische Gewalt angetan, aber psychisch waren die Wunden tief.» Ihm gelang es dank dem Gefängnispfarrer und der Therapie, von seinen kriminellen Gedanken loszukommen. Denn in der Haft kamen immer wieder Angebote von anderen Häftlingen, etwa als Zuhälter zu. «Gott sei Dank, hatte ich in diesen Momenten die richtigen Menschen um mich, die mir halfen, auf der Spur zu bleiben. Und natürlich war da meine grosse Liebe zu meinen fünf Kindern.»

Im Gefängnis machte ich eine Therapie. Dazu gehörte auch, mich bei den Opfern zu entschuldigen.

Heute lebt der 60-jährige Rudolf Szabo in Liestal und nimmt an Opfer- und Tätergesprächen teil. Er hält Vorträge und ist engagiert in der Jugendarbeit. Ausserdem unterstützt er junge entlassene Häftlinge bei der Integration in Ausbildung und Arbeit, damit sie aus Geldmangel nicht nochmals strafffällig werden. Für Rudolf Szabo ist es wichtig, zu seinen Taten zu stehen und Aufklärungsarbeit zu leisten. Das Rad der Zeit zurückdrehen kann er nicht.

Text: Denise Muchenberger

Nachgefragt beim Basler Kriminalkommissär Peter Gill

Schlagzeilen wegen Banküberfällen gab es in den letzten Jahren in Basel nur wenige. Stimmt dieser Eindruck?
Das ist so. Banküberfälle finden unter anderem wegen der Fluchtmöglichkeiten eher in ländlichen Gebieten statt. Speziell aus der Romandie bekannt sind ausserdem Überfälle auf Geldtransporter sowie die Sprengung von Bancomaten. Solche Fälle verzeichnen wir zurzeit in Basel nicht.

Dafür gibt es andere Delikte …
Bei uns gibt es eher Überfälle auf Tankstellenshops und andere Geschäfte. Die Basler Staatsanwaltschaft muss sich vermehrt mit sogenannten Distanzdelikten befassen. In der Regel kommt es dabei zu keiner Begegnung mit der Täterschaft, denn die Delikte werden häufig übers Internet begangen. Zu diesen Betrugsmaschen gehören Erpressungsversuche unter Androhung von DDoSAttacken, Phishing, betrügerische E-Mails oder etwa E-Banking-Missbrauch. Wir warnen regelmässig vor Enkeltrickbetrügern und falschen Polizisten, die ältere Menschen um hohe Geldsummen betrügen. Teilweise mehr als hunderttausend Franken sind dabei blauäugig den «Polizisten» übergeben worden.

Was kann man dagegen tun?
Eine wichtige Rolle können Finanzinstitute spielen. Sie sind meistens das letzte Glied in einer Kette, die einen möglichen Betrug verhindern könnten. Nämlich dann, wenn ältere Menschen hohe Bargeldbeträge am Schalter abheben wollen. Dabei können heikle Situationen für Bankangestellte entstehen, wenn sie nachhaken. Mehrere Fälle konnten jedoch so verhindert werden, weil die Bankangestellten von den Kunden erfuhren, dass die «Polizei» das Geld verlangt. Eine entsprechende Sensibilisierung der Mitarbeitenden auf diese Betrugsmasche ist wichtig.

Peter Gill ist Kriminalkommissär und Chef Medien und Information der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt.

Tipps zum Schutz vor 4 beliebten Betrugsarten

Phishing
Versuch, über gefälschte Webseiten, E-Mails oder Kurznachrichten an persönliche Daten bzw. das Passwort eines Internetnutzers zu gelangen.

Tipp: Keine Links verwenden, die per E-Mail zugeschickt oder per QR-Code eingescannt wurden, um sich bei einem Online-Dienstleister oder Finanzinstitut anzumelden.1

Enkeltrickbetrug
Der Täter kontaktiert das Opfer telefonisch, bittet um finanzielle Hilfe und übt grossen Druck aus.

Tipp: Misstrauisch sein. Keine persönlichen Daten, Finanzinformationen oder Passwörter an vermeintliche Verwandte/Behörden herausgeben. Warnungen von Bankangestellten ernst nehmen und deren Unterstützung zulassen.1 Umfassende Tipps zum Schutz vor Enkeltrickbetrug finden Sie in unserem Magazin..

Falsche Polizisten
Sie geben vor, Ermittlungen in einem Einbruch- beziehungsweise Raubdelikt zu tätigen, und wollen Geld oder Wertgegenstände in sicheren Gewahrsam nehmen.

Tipp: Kein Geld oder Wertgegenstände aushändigen. Kontakt mit der Polizei (Notruf 117) aufnehmen.2

DDoS-Attacken
Distributed Denial of Service ist ein Angriff auf Computersysteme mit dem Ziel, deren Verfügbarkeit zu stören. Der Angreifer erpresst Geld, damit er einen bereits gestarteten Angriff stoppt oder keinen startet.

Tipp: Checkliste zu vorbeugenden Massnahmen downloaden.3

Quellen:
1. Schweizerische Kriminalprävention, www.skppsc.ch
2. Medienmitteilung vom 10.01.2020. Kanton Basel-Stadt Staatsanwaltschaft
3. Melde- und Analysestelle Informationssicherung (MELANI), www.melani.admin.ch

Bankraub in Zahlen

Zwei Ökonomen untersuchten rund 5'000 Raubzüge und veröffentlichten eine Studie. Dabei kam Folgendes heraus.

Top 5 in Europa - Durchschnittliche Anzahl Raubüberfälle pro Jahr, 2000-2006:

  • Italien: 2770
  • Deutschland: 837
  • Kanada: 827
  • Frankreich: 639
  • Spanien: 523
  • Schweiz 16

Im Schnitt dauerte ein Überfall: 4:27 Minuten.

Nur vier von zehn Räubern trugen eine Maske.

Die beliebtesten Fluchtwege:

  • 34% flüchteten zu Fuss,
  • 20% mit dem Auto,
  • 7% mit einem Motorrad.

Die meisten Überfälle ereignete sich am Freitag zwischen 8 und 12 Uhr.

Quelle:  Optimizing Criminal Behavior and the Disutility of Prison. Giovanni Mastrobuoni and David A Rivers, May 2017. Zum Download der Studie.

Basel mit positiver Bilanz

In den letzten Jahren haben die Raubüberfälle in Basel-Stadt abgenommen:

  • 2013: 205
  • 2014: 136
  • 2015: 106
  • 2016: 124
  • 2017: 83
  • 2018: 88

Davon waren nur etwa 6 Raubüberfälle auf Banken. Günde dafür sind:

  • Schlechte Fluchtwege
  • Weniger Bargeld am Schalter
  • Hohe Sicherheitsmassnahmen

Dafür haben Cyberangriffe zwischen 2017/2018 stark zugenommen: +137% unbefugtes Eindringen in Datensysteme.

Quelle: Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS), Jahresbericht des Kantons Basel-Stadt 2018

Filmtipps: Bösewichte oder Antihelden?

La Casa de Papel

Netflix, Serie: Ein Professor plant mithilfe von acht Dieben einen spektakulären Raubüberfall auf die spanische Banknotendruckerei und führt die Polizei gehörig in die Irre. Spannend und charakterstark.

Trailer von La Casa de Papel ansehen.

Victoria

Film: Mutig als One-take (ohne Schnitt) produziert erzählt der Film die Geschichte der jungen Spanierin Victoria. Diese trifft im Berliner Nachtleben auf ein Männerquartett. Man amüsiert sich, albert herum. Doch im Morgengrauen geraten die Nachtschwärmer in eine hochexplosive Situation, die in einem Banküberfall endet.

Trailer von Victoria ansehen.

Evil Genius

Netflix, Dokumentation: Der wohl grausamste Banküberfall der USA beginnt mit dem Tod eines Pizzalieferanten, der mit einer mit Sprengstoff gefüllten Halskrause eine Bank ausraubt...

Trailer von Evil Genius ansehen.

Inside Man

Film: Dalton Russell verschanzt sich mit Dutzenden Geiseln in einer New Yorker Bank und startet ein fesselndes Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei. So weit, so gut – das Besondere: Der Protagonist Dalton wird dem Zuschauer zunehmend sympathisch!

Trailer von Inside Man ansehen.

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